EIN NEUER ›ACKERMANN‹. Überlegungen zur Ausgabe von Karl Bertau

CHRISTIAN KIENING
1996 Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur  
Seit Alois Bemt zu Beginn dieses Jahrhunderts den >Ackermann< in Abwägung der gesamten (seither nicht wesentlich vermehrten) Überlieferung edierte, ist das Ringen um die wissenschaftliche Textgestaltung des Prosakunstwerks nicht mehr zur Ruhe gekommen. Von keinem anderen mittelalterlichen Text wurden so viele Ausgaben publiziert, die als >kritisch< gelten wollten, de facto aber einen subjektiven Eklektizismus praktizierten, den wiederum einige Herausgeber durch >Zweitausgaben< zu revidieren
more » ... < zu revidieren versuchten. 2 Bemt hatte sich, ohne dies ausdrücklich zu machen, vor allem an Handschrift A (Stuttgart, Landesbibliothek, Cod. HB X 23) und Druck a (Bamberg: Pfister, um 14621 63) gehalten, obschon ihm als beste Überlieferung die beiden Münchener Handschriften E (Clm 27063) und H (Cgm 579) galten.a Sein Verfahren bezeugt bereits die Schwierigkeit der Sache, die Arthur Hübner dann auf den Punkt brachte: dem mutmaßlichen Original, so Hübner, sei im Falle des >Ackermann< weder durch Anlehnung an eine einzige Handschrift noch durch stemmatologische Ermittlung von Fehlern und Fehlergemeinschaften nahezukommen. Seine eigene Ausgabe ar-1 Johannes de Tepla Civis Zacensis, Epistola cum Libello ackerman und Das büchlein ackennan. Nach der Freiburger Hs. Hi3 und nach der Stuttgarter Hs. HB X 23. Erster Band hg. und übersetzt von Karl Bertau; Zweiter Band[:)llntPrsuchungen. Einleitung, Untersuchungen zum RPgleitbrief und zu den Kapiteln I bis 34 des Textes und Wörterverzeichnis mit Exkursen von Karl Bertau. Berlin, New York: de Gruyter 1994. XXXVll, 301; VI, 801 S. 2 Zu den älteren Ausgaben A. Schirokauer, Die Editionsgeschichte des Ackermann aus Böhmen. Ein Literaturbericht, Modern philology 52 (1954/55), S. 145-158; zu den neueren (bis hin zu Schröder) E. Firchow, Wege und Irrwege der Textkritik zum > Ackermann aus Böhmen<: EIN NEUER ·ACKERMANN< 235 beitete dementsprechend mit Qualitätsgruppen, wobei in Zweifelsfallen häufig A der Vorzug gegeben wurde. 4 Die späteren Ausgaben hielten sich eher an E und H, berücksichtigten aber auch die alttschechische Bearbeitung des >Ackermann< (>Tkadlecek< [Tk]), deren Entstehung allen erhaltenen deutschen Handschriften vorausliegt 5 und mit deren Hilfe Willy Krogmann den Archetyp zu rekonstruieren hoffte. 6 Jungbluth postulierte in der gemeinsam mit Hammerich veranstalteten Ausgabe -allein aufgrund des Textbeginns (Grimmiger tilger aller landt) -E (zusammen mit Tk) als Vertreter einer in Opposition zur gesamten anderen Überlieferung stehenden, dieser vorzuziehenden >lant-Gruppe<, mußte aber nach Abbruch von E (im 14. Kapitel) ebenfalls auf andere Textzeugen -auch hier vor allem A und H -ausweichen. 7 In seiner >Zweit-ausgabe< näherte er sich stärker dem Leithandschriftenprinzip und legte (wie ursprünglich auch von Hammerich vorgesehen) einen *H-Text vor, der jedoch mit seinen zahlreichen Emendationen, Kon-4
doi:10.1515/bgsl.1996.1996.118.234 fatcat:5aqzkovhnbam3lyvx7x3yzt4eq