Das Schuleintrittsalter: Konfusionen und Paradoxien

Rainer Dollase
2009 Recht der Jugend und des Bildungswesens  
In der Frage des optimalen Einschulungsalters -mit 5, 6 oder 7 Jahren -gibt es in der Tat Paradoxien und Konfusionen zu berichten. Konfusionen schon über den Begriff der "vorschulischen" Förderung: zunächst nur als temporaler Begriff für die Zeit der Bildung "vor" der Schule in Verwendung, hat er später schleichend die Konnotation "schulähnliches Lernen vor der Schule" aufgesogen, wurde also zur Bezeichnung für ein didaktisches Konzept. Mit dieser zur Denotation gewandelten Konnotation ist es
more » ... nn nur ein winziger Schritt zur Forderung, die Schule "früher" anfangen zu lassen. Die europäischen Länder schulen ihre Kinder sehr unterschiedlich früh oder spät ein. In Großbritannien, Irland und den Niederlanden gehen Kleinkinder mit 5 Jahren in die Schule, in der Bundesrepublik meist wie in vielen anderen europäischen Ländern mit 6, NRW schult mit 5 Jahren ein, Schweden, Dänemark und PISA Sieger Finnland erst mit 7 Jahren. Die uneinheitliche Regelung in verschiedenen Ländern zeigt, dass man in der Frage des Schuleintrittsalters wohl begründet zu unterschiedlichen Lösungen kommen kann. Empirische Untersuchungen versorgen die Debatte um das Schuleintrittsalters mit Paradoxien. Vor wenigen Jahren wurde von den Volkswirten Patrick Puhani (TU Hannover) und Andrea Weber (TU Darmstadt) das Ergebnis einer Analyse der IGLU-Daten unter dem Gesichtspunkt Früheinschulung/Späteinschulung der Öffentlichkeit bekannt gemacht 1 . Das Ergebnis: Früh eingeschulte Kinder (für die Autoren: die 6jährigen) sind im 4. Schuljahr in den IGLU-Aufgaben deutlich schlechter als spät eingeschulte. Die Autoren schreiben: "So liegen für Schüler, die mit 7, anstatt mit 6 Jahren eingeschult werden, die Testergebnisse in der standardisierten Grundschulleseuntersuchung IGLU um etwa 0,4 Standardabweichungen höher als bei den relativ jüngeren Schülern ..." (S. 1 im Abstract). Zum Vergleich: ungefähr eine halbe Standardabweichung trennt Deutschland und Finnland bei PISA, bzw. ein schlechtes Bundesland (NRW) von einem guten (Bayern). Die Autoren haben 6.591 IGLU-Datensätze sowie administrative Daten zum Einschulungszeitraum aus dem Bundesland Hessen (N = 182.676 Beobachtungen) mit Hilfe ökonometrischer Varianten der Regressionsrechnung analysiert. Fazit: frühe Einschulung ist nicht gut 2-4 . Diese Erkenntnis kann nur jene überraschen, die die einschlägige Forschung dazu vergessen oder nie zur Kenntnis genommen haben. Die Untersuchungsergebnisse haben deutsche Kollegen und Kolleginnen (so sie denn Ergebnisse aus der angewandten Forschung überhaupt zur Kenntnis nehmen) ziemlich überrascht, da sie in Unkenntnis der langen Forschungsgeschichte einer früheren Einschulung von der öffentlichkeitswirksamen Maxime "je früher man lernt, desto besser" beeinfl usst waren. Das Neue an der Studie von Puhani & Weber ist das Alter: Mit 6 Jahren einzuschulen ist offenbar schlechter als mit 7. Die bisherige Debatte ging seit einer Entscheidung des Deutschen Bildungsrates im Jahre 1970 mehr um die Frage, ob die Einschulung schon mit 5 statt mit 6 stattfi nden sollte. Zu der Frage "Einschulung mit 5 oder mit 6" lagen umfangreiche Studien vor, die sich eher für eine spätere Einschulung mit 6 Jahren ausgesprochen hatten 5 . Die Tendenz aller vorliegenden, auch älteren Studien, zu Fragen der Früheinschulung ist u.a. auch eine inhaltliche Aussage zur Art des besseren Lernens und der "Bildung" kleiner Kinder: Kleine Kinder lernen offenbar im Durchschnitt nicht schulisch, sondern eher ganzheitlich -besser im Spiel als gebeugt über Lernspielmappen. Mit der Arroganz des Halb-oder Nichtwissens muss-
doi:10.5771/0034-1312-2009-2-262 fatcat:dqlhosiv7bcurdaobsx43ojjse