Vom Lernprozess des Ärztenetzwerks xundart: Innovative und wissenschaftlich fundierte Qualitätsentwicklung

Andrea Abraham, Yvonne Gilli
2021
a Dr. phil., Dozentin Berner Fachhochschule Soziale Arbeit, Evaluatorin Pilotprojekt xundart; b Dr. med., Präsidentin der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) und Mitglied des Verwaltungsrats xundart Systemische und reflexive Qualitätsentwicklung ist ein Anliegen des Ostschweizer Ärztenetzwerks xundart. Gerade nicht-quantitative Qualitätsarbeit erfordert von den Mitgliedern einer Organisation Vertrauen, Offenheit zur Selbst-und Fremdbeobachtung und die Bereitschaft, aus den
more » ... Komfortzonen herauszutreten. Vonseiten der Verantwortlichen sind sorgfältige Kommunikationsarbeit, Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt. Qualitätsneuland bei xundart Das Ostschweizer Ärztenetzwerk xundart hat in den vergangenen Jahren unter der Leitung eines interdisziplinären Projektteams 1 beträchtliche Ressourcen in eine massgeschneiderte, systemische und reflexive Qualitätsentwicklung gesteckt. Diese geht von den Prämissen aus, dass die ärztliche Tätigkeit eine medizinische und soziale Tätigkeit ist, dass Ärztinnen und Ärzte Mediziner und Menschen sind und dass Gesundheit ein komplexes biopsychosoziales Geschehen ist. Obschon diese Feststellung trivial klingt, ist die Berücksichtigung der vielfältigen Zusammenhänge in der Qualitätsentwicklung keineswegs trivial. Auf Grundlage der genannten Prämissen befasste sich ein Qualitätszirkel (QZ) von xundart im Rahmen eines Pilotversuchs 2020 mit neuen Formen der QZ-Arbeit. Ergänzend zu den «regulären» QZ-Treffen wurden Anlässe durchgeführt, bei denen sich die Teilnehmenden mit qualitätswirksamen Aspekten einer Sprechstunde befassten. Dies sind z.B. die Individualität von Ärztin bzw. Arzt, von Patientin und Patient, die Beziehung zwischen Ärztin und Patient, das Prozess-und Zeitmanagement, die Struktur und Organisation der ärztlichen Tätigkeit. Wie werden Ärztinnen und Ärzte an solche Prozesse heran geführt und durch sie begleitet? Kollektive Lern-und Weiterbildungsprozesse der Ärztinnen und Ärzte Das gemeinsame Lernen in den QZ erfolgte über theoretische Inputs, Praxisbezüge und veranschaulichende Übungen. In den Wochen zwischen den QZ wurden ausgewählte Aspekte dieser Inputs in der eigenen Sprechstundentätigkeit im Rahmen von Lernjournalen vertieft. Im ersten Teil des darauffolgenden QZ wurden diese individuellen Vertiefungen mit Hilfe zweier inhaltsanalytischer Verfahren kollektiv reflektiert. Die neuere Reflexionsforschung weist der sozialen Komponente von Reflexivität grosse Bedeutung zu. Durch die Interaktion mit anderen gehen die Individuen in Distanz zu ihren Biographien, sozialen Welten sowie Erfahrungen und lernen andere Interpretationsmöglichkeiten sozialer Wirklichkeit kennen [1]. Gruppen identifizieren im Diskurs konflikthafte Ideen oder Uneinigkeiten und konstruieren ein gemeinsames Verständnis der im Zentrum stehenden Thematik. Ohlsson [2] zeigt in diesem Zusammenhang, dass das Lernen in sozialen Kontexten durch sogenannte double-loops erfolgt: durch die individuelle Aneignung und die Exponierung des Einzelnen für alternative Interpretationen seiner Wirklichkeit. Durch die Erfahrung von Verschiedenheit und das Hinterfragen von eigenen Selbstverständlichkeiten wird das Eigene anders gesehen oder verstärkt. Solche institutionalisierten Formen von Reflexivität sind zentraler Bestandteil lernender Organisationen [3]. Ärztinnen und Ärzte sind Medi ziner und Menschen, ärztliche Tätigkeit ist medizinisch und sozial, Gesundheit biopsychosoziales Geschehen. WEITERE ORGANISATIONEN UND INSTITUTIONEN xundar t 502 SCHWEIZERISCHE ÄRZTEZEITUNG -BULLETIN DES MÉDECINS SUISSES -BOLLETTINO DEI MEDICI SVIZZERI 2021;102(15):502-504 Published under the copyright license "Attribution -Non-Commercial -NoDerivatives 4.0". No commercial reuse without permission.
doi:10.24451/arbor.14707 fatcat:d3iamolifbfu3b32zg76vgpyau