Freiheit und Stadt: Der Fall Frankfurt

Elsbet Orth, Vorträge Und Forschungen
2014
Auf Königs und Reichsstädte bezogen, könnte die Frage nach »Freiheit und Stadt« unzulässig scheinen, jedenfalls dann, wenn sie mit dem Ziel gestellt würde, die verfassungsrechtliche Stellung dieser Städte ins Blickfeld zu bringen und eine Begründung für ihre im Verlauf der Jahrhunderte tatsächlich erworbene politische und wirtschaftliche Bewegungsfreiheit zu fin den: Rang und politische Bedeutung der Königs und Reichsstadt und die soziale Stellung der dort gesessenen Königsleute, der späteren
more » ... ute, der späteren Bürger, resultierten ja gerade aus der rechtlichen Bindung der Gemeinde und der Bürger an Herrscher und Reich. Diese Bindung zu betonen, wurden deshalb die Reichsstädte auch noch im späten Mittelalter nicht müde 1 ). Dennoch eröffnet die Formulierung »Freiheit und Stadt« den Zugang zu zwei auch für Königs und Reichsstädte, zumal für Frankfurt, erheblichen Fragestellungen: zur Frage nach Inhalt und Charakter des auf die mittelalterlichen Verhältnisse angewendeten Freiheitsbegriffs, also danach, was der königliche Stadtherr einerseits, die politische Führungsschicht der Stadt andererseits als Freiheit verstanden oder bezeichneten. Zweitens deckt die Überschrift aber auch die Frage nach selbstbestimmtem Handeln, Emanzipation, Freiheitswillen oder Frei heitsforderungen, das heißt nach dem Wesen, dem Inhalt und dem Grad der Verwirklichung von Freiheit im mittelalterlichen Frankfurt, sowie danach, ob und in welcher Weise im Fall des mittelalterlichen Frankfurt Veränderungen auf dem Felde der tatsächlichen personalen, sozia len und der korporativen oder politischrechtlichen Unabhängigkeit, an »allgemeine[r] selbst bestimmte[r] Verfügungsgewalt des einzelnen über Besitz, Freizügigkeit, Handeln, Heirat, über Leben, Lebensumstände, Lebensführung« 2 ) mit dem /BertasBegriff in Zusammenhang gebracht wurden und ob und wie sonst derartige Freiheitsvorstellungen formuliert wurden. Wie die Begriffsinhalte von »Macht« und »Recht« so stehen auch die denkbaren Inhalte von »Freiheit« und »Recht« in einem unauflöslichen Rückwirkungs und AustauschVerhält nis zueinander. Bereits dieser Umstand erweist »den Fall Frankfurt« in einem direkten, ereignisgeschichtlichen Sinn als der aufmerksamen historischen Betrachtung besonders würdig: wegen der herausragenden Bedeutung Frankfurts für das Königtum und als zentraler 1) Gerade der Frankfurter Rat berief sich in seinen Auseinandersetzungen um Rechte im Umland der Stadt bis in die Neuzeit hinein geradezu formelhaft auf die Freiheiten und Privilegien, welche Frankfurt als einer Stadt des Königs und des Reichs von Herrschern verliehen seien. 2) J.FRIED, Über den Universalismus der Freiheit im Mittelalter, in: HZ 240 (1985) S.333. ELSBET ORTH Ort im Reich, andererseits aber auch wegen der Ausstrahlungskraft des Frankfurter Rechts, das bekanntlich auf eine Vielzahl von Städten übertragen wurde 3) . Gerade das Frankfurter Recht mögen die Stadtherren je und je gewünscht oder gewählt haben, weil es in der Mutterstadt so sichtbar dem wirtschaftlichen Erfolg eine stabile Grundlage bot. Manche Entscheidung für das Recht Frankfurts mag aber auch gefallen sein, weil man die inneren Verhältnisse dieser Königs und Reichsstadt und die dort geltende Rechtsordnung besser kannte als die irgendeiner anderen bedeutenden Stadt. Dies ist zumal für das 14. Jahrhundert zu vermuten, als Frankfurt nicht nur, wie hergebracht, Veranstaltungs ort der Königswahlen und von Reichs und Fürstentagen war, also oft genug die Großen des Reichs in seinen Mauern beherbergte, sondern als die Stadt auch als Messeplatz eine unver gleichliche Anziehungskraft ausübte, besonders auf Angehörige der Schichten, die von Stadtrechtsverleihungen unmittelbar begünstigt waren und deren Vertreter mit entsprechen den Wünschen an ihre Herren herangetreten sein mögen. Frankfurt, dem alten Pfalzort, wurde seinerseits bekanntlich niemals ein Stadtrecht verliehen. Zwar war es spätestens seit salischer Zeit Marktort und erscheint in den Quellen anno 1140 zum ersten Mal als oppidum 4 K Um dieselbe Zeit veranstaltete man wohl auch schon den Jahrmarkt, die Alte Frankfurter Messe 5) . Aber die ausdrückliche Privilegierung mit Einzelrechten setzte erst circa acht Jahrzehnte danach ein, also verhältnismäßig spät. Den ersten Schub von Selbstbestimmungsmöglichkeiten verdankten die Frankfurter Königsleute seit der Mitte des 12. Jahrhunderts nicht der Verleihung von Freiheiten oder gar der Verleihung der Freiheit, sondern, wie Fred Schwind 6) gezeigt hat, zuerst der planmäßigen,
doi:10.11588/vuf.1991.0.16530 fatcat:2t543opgnrfhpe2bip4uwkf4vq