Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts [chapter]

1998 Das 20. Jahrhundert  
Die Entwicklung der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert ist in den letzten Jahren näher untersucht worden. Es stellt sich die Frage, ob sich die Sprachentwicklung im 20. Jahrhundert deutlich davon abgrenzen läßt oder ob eher von Kontinuitäten in der Sprachentwicklung um 1900 auszugehen ist. Es gibt einige Evidenzen dafür, daß zwar Veränderungen im Sprachbewußtsein und in der Sprachbewertung zu konstatieren sind, daß viele Modemisierungsprozesse aber, z. B. der Ausgleich zwischen geschriebenen
more » ... chen geschriebenen und gesprochenen Formen des Deutschen, bis in die jüngste Zeit kontinuierlich fortschreiten. Einige allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von Sprachwandel und Kontinuität fuhren dann zur Skizzierung eines Forschungsansatzes, bei dem generationale Kontinuität (age grading) in Texten alter Menschen untersucht werden soll. 1 Nur leicht veränderte und um entsprechende Hinweise ergänzte Fassung des Vortrags auf der Jahrestagung. 2 Vgl. Wimmer (1991) und die zum 25jährigen Jubiläum herausgegebene Broschüre: Institut für deutsche Sprache. 25 Jahre. Mannheim 1989. 60 Dieter Cherubim che, also der Sprache unserer Zeit, ging.1 * * Überschreiten wir nun die Grenze vom 19. zum 20. Jahrhundert, so scheint auch dafür eine zweifache Perspektive angebracht zu sein: ln der Sprachgeschichte oder, w'ie es am Ende des 19. Jahrhunderts so gerne hieß, im "Sprachleben"4 geht es ebenso um die Übergänge w'ie um die Brüche, um Kontinuitäten ebenso wie um Diskontinuitäten, wobei aber in der Sprachpraxis der Beteiligten und Betroffenen die Kontinuitäten ungleich wichtiger sind, auch wenn ein geschärftes Sprachbewußtsein oder eine lautstark vorgebrachte Sprachkritik bisweilen die Brüche stärker betonen, als es der Realität selbst oder unseren sprachhistorischen Befunden im einzelnen entsprechen mag. Dafür ließen sich viele Beispiele beibringen5, unmittelbare Anschauung können uns gerade wieder einmal die aktuellen Debatten um die Orthographiereform vermitteln. Um Kontinuität und Diskontinuität in der neueren Entwicklung des Deutschen geht es mir auch in meinem Referat, und ich will dieses Thema in drei Schritten bearbeiten, ohne es freilich damit erschöpfen zu können. Erstens will ich -dreifach ansetzend -die Frage behandeln, ob und wo wir überhaupt deutliche sprachliche Differenzen zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert fassen können; wo also vielleicht Brüche erkennbar sind oder wenigstens Übergänge sichtbar gemacht werden können, die man doch vorauszusetzen scheint, wenn man -wie im Titel dieses Beitrags -leichtfertig von der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts spricht.6 Zweitens möchte ich einige allgemeine Überlegungen zum Pro-
doi:10.1515/9783110622638-006 fatcat:clbfz7xqwrfqxl7w5uouq4ut2q