Aspirin als Hustenmittel

Wilhelm Ebstein
1911 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die Azetylsalizylsäure, das Aspirin, erfreut sich bei einer Reihe von Krankheitszuständen einer großen Beliebtheit, und die Zahl der Fälle, bei denen das Mittel angezeigt ist, dürfte sich sehr erheblich steigern, wenn meine Empfehlung desselben als Ilustenmittel sich auch weiterhin in der Praxis bewährt. Ich lernte diese Heilkraft des Mittels durch Zufall kennen. Eine sonst gesunde 60 jährige Dame hat vielfach an Katarrhen der oberen Luftwege zu leiden, die gewöhnlich eine Neigung haben, in den
more » ... igung haben, in den Bronchialbaum nach abwärts zu steigen. Sie sind von äußerst quälenden Hustenattacken begleitet, die besonders auch störend auf den Schlaf wirken. Ich riet der Patientin wegen eines eine derartige Katarrhattacke komplizierenden Migräneanfalls eine Aspirintablette zu brauchen. Abgesehen von der prompten Heilwirkung in dieser Beziehung fiel es auf, daß die Hustenanfälle danach nicht nur erheblich milder, sondern auch seltener wurden. Dies trat jedesmal ein, sobald, wenn sich die Anfälle wieder einstellten, eine Aspirintablette gebraucht wurde, und nach wenigen Tagen war der Katarrh, der sich ungewöhnlich lange Zeit hingezogen hatte, völlig beseitigt. Einen ebenso günstigen Effekt beobachtete ich bei Hustenanfällen, die aber in weit schlimmerer Weise eine 74jährige Dame heimsuchten. Diese leidet seit langen Jahren infolge eines Emphysems der Lungen, verbunden mit großer, sich stetig steigernder Herzschwäche, sehr oft an Hustenanfällen mit reichlichem Auswurf, die sich in der Regel über mehrere Wochen hinziehen, außerordentlich quälend sind und den nächtlichen Schlaf vollkommen stören. Das zur Beseitigung dieser Anfälle verordnete Codein vermochte in den üblichen Dosen keine wesentliche Besserung der Anfälle herbeizuführen und insbesondere auch die Dauer dieser Bronchitiden nicht zu verkürzen. Die Patientin brauchte nun auf meinen Rat Aspirin, und zwar in 24 Stunden viermal je 0,05 in Tablettenform. Sofort stellte sich bei dieser Medikation eine sehr wesentliche Verkürzung der einzelnen Anfälle, eine Verminderung des Auswurfs, sowie ferner eine derartige Verkürzung des Katarrhs ein, daß dieser in reichlich einer Woche vollkommen beseitigt war. Narkotische Mittel wurden dabei nicht gebraucht. Ich habe in meiner Arbeit über die Katarrhe im 101. Bande des Deutschen Archivs für klinische Medizin (1910), S. 34 u. ff. auch in therapeutischer Beziehung die einschlägige Literatur sorgfältig durchgesehen, es ist mir aber nichts über die Heilwirkung des Aspirins beim Husten aufgefallen. Ich habe es deshalb für nicht unnütz gehalten, die Herren Kollegen hier auf diesen praktisch gewiß recht wichtigen Gegenstand hinzuweisen. Das Aspirin entfaltet nicht nur wie die Naicotica eine rasch vorübergehende Besserung, sondern eine wirkliche Heilwirkung und Abkürzung des Krankheitsprozesses und ist jedenfalls auch im Vergleich mit den Narcotica ein harmloses Heilmittel. Weitere Versuche mit dem Aspirin sind daher, wie ich meine, bei derartigen Katarrhen der Luf twege durchaus angezeigt. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1130861 fatcat:54iw4fzk3jcovpxoujny3dmpeq