Noch einmal: Der westliche muslimische Feminismus [chapter]

Soumaya Mestiri
2020 Toleranz in transkultureller Perspektive  
Noch einmal: Der westliche muslimische Feminismus 1 Das Aufkommen eines muslimischen Feminismus vor etwa zwanzig Jahren hat hinsichtlich der Legitimität seiner Anliegen zu heftigen Polemiken geführt. Wenn er davon ausgehe, es könne kein Zweifel an der weltweit zu beobachtenden Diskriminierung der Frauen im Namen des Islam und an der Missachtung elementarster Prinzipien der Humanität und Geschlechtergleichheit bestehen, dann werde damit -wie Gegner und Skeptiker im Wesentlichen betonen -die
more » ... n betonen -die These vom ›Kampf der Kulturen‹ gutgeheißen. Doch die Haltung derer, die allein schon gegenüber dem Prinzip eines muslimischen Feminismus ein Unbehagen verspüren, lässt klar erkennen, wie leicht man es sich mit dem Gefühl des Skeptizismus und auch der Ablehnung macht. Diese negativen Gefühle erklären sich vornehm lich aus Prinzipiengründen, d. h. aus dem Vorbehalt, jenen Paternalismus aufzugeben, in dem sich seit Locke die Toleranz verkörpert, um nicht mit Derrida in Begriffen der Hospitalität bzw. mit Rainer Forst des ›Res-pekts‹ zu denken. »Man müsste den wie Leibeigene behandelten Frauen eher helfen, aus ihrem Zustand der Knechtschaft herauszukommen, als sie auf einem Weg zu ermutigen, der nur ihre minoritären Lebensbedingungen verewigen kann.« Genau so manifestiert sich der in der typisch modernen Version von Toleranz gängige Paternalismus; Marcuse hat diese Toleranz als ›repressiv‹ bezeichnet und die Demokraten dazu aufgefordert, sie zu bekämpfen. 2 Man muss verstehen, dass dieser Vorbehalt weit davon entfernt ist, eine angemessene Haltung zu sein. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht Jürgen Habermas' Einstellung. In einem später gemeinsam mit Derrida unter dem Titel Philosophie in Zeiten des Terrors veröffentlichen Interview wurde Habermas gebeten, 1 »Noch einmal«, weil dieser Text in kritischer Absicht eine in gewisser Hinsicht durch die Realität des heutigen muslimischen Feminismus überholte erste Fassung wieder aufnimmt, die im November 2008 in Raison publique, 9, unter dem Titel Un féminisme musulman occidental, pour quoi (faire)? erschienen ist. 2 H. Marcuse, »Repressive Tolerance«, in: R. P. Wolff/ B. Moore, Jr./ H. Marcuse, A Critique of Pure Tolerance, Boston: Beacon Press 1969, S. 95-137. Im Nachwort von 1968 heißt es: »Ein Teil dieses Kampfes [für die Demokratie] besteht darin, die Ideologie der Toleranz zu bekämpfen, die in Wirklichkeit die Aufrechterhaltung des status quo favorisiert und verstärkt -der Ungleichheit und der Diskriminierung.« https://doi.org/10.5771/9783748911845-134 Generiert durch IP '207.241.231.83', am 10.12.2020, 10:09:45. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig. 135 sich zum Verhältnis von Universalismus und Toleranz zu äußern. Er wurde gefragt, ob sich der von ihm verteidigte Universalismus nicht mit jenem unglückseligen Paternalismus verbinde, der das Toleranzkonzept bestimme und den er in seinem von seinem Schüler Forst inspirierten Vortrag Religiöse Toleranz als Schrittmacher kultureller Rechte 3 abgelehnt habe. Die Journalistin fragte ihn, ob es nicht sinnvoll sei, das Toleranzkonzept durch das der Hospitalität zu ersetzen. In seiner Antwort kam er zwar auf die Existenz des Paternalismus zurück, aber er schrieb ihn bestimmten Bedingungen zu, unter denen der positive Charakter der Toleranz pervertiert werde; er stellte weder das Prinzip des Paternalismus in Frage, noch positionierte er sich hinsichtlich der Alternative ›Toleranz oder Hospitalität‹. 4 Er wich der Frage aus. Dieses Schweigen offenbart die Schwierigkeit, heute das Identitätsproblem im Rahmen der Beziehung zwischen Gleichen zu denken, in dem der Andere in seiner grundlegenden Fremdheit anerkannt ist -wie etwa im Falle einer Gläubigen, die ihre Treue zu einem Glaubensbekenntnis mit ihrer Ablehnung des Patriarchats zu vereinbaren versucht. Das Problem besteht freilich auch anderweitig, genauer gesagt: in der Konfusion zwischen mehreren Typen von Rechtfertigung und jener Idee, die in der Praxis von der genannten Muslimin akzeptiert wird -der Idee der Geschlechtergleichheit. Wir sind in der Tat mit drei unterschiedlichen, unter drei verschiedene Paradigmata subsumierten Rechtfertigungen konfrontiert, zunächst einmal mit der traditionalistischen Rechtfertigung der Minderwertigkeit der marginalisierten Frau. Eine erste, modernistische Rechtfertigung ist Bestandteil des Gleichheits-und Freiheitsparadigmas; sie wurde vom is lamischen, d. h. auf dem geografisch und historisch bestimmten Boden des Islam existierenden Feminismus vorgebracht, auf dem man noch immer eine Schlacht zu schlagen hat, die im Westen bereits im Mai 1968 gewonnen wurde. Zu diesem islamischen Feminismus gehören sowohl reformistische, dem Islam als Religion verbundene Feministinnen, als auch ›laizistische Feministinnen islamischer Kultur‹, die für sich nicht notwendigerweise die Bezeichnung ›islamisch‹ gelten lassen und im Islam eher eine Geschichte und Zivilisation sehen als eine Religion stricto sensu. Eine zweite, postmoderne Rechtfertigung hebt auf die Kategorien der Differenz, der Anerkennung und der Geschlechterparität ab; sie wird vom muslimischen Feminismus vorgetragen, dem der in europäischen 3
doi:10.5771/9783748911845-134 fatcat:p7amra5uojgw5n5ajiscgta6ym