Die Selbst(-referentielle) Inszenierung eines cinéaste militant

Daniel Winkler
2021
Eine Pariser Banlieue-Siedlung im Kontext der Theoriegeschichte des Dokumentarfilms Dokumentarfilm(-theorie) zwischen Realismus und Selbstreferentialität Anders als beim Spielfilm ist die Geschichte des Dokumentarfilms engstens mit der seiner Theoriebildung verknüpft. Die Theoriegeschichte des Dokumentarfilms wurde die längste Zeit von den Filmemacherinnen selbst geschrieben und diente so nicht zuletzt der Selbstlegitimation. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren nahmen John Gierson und Dziga
more » ... n Gierson und Dziga Vertov diese Doppelrolle des theoricien-praticien wahr und definierten den Dokumentarfilm über seinen spezifischen Wirklichkeitsbezug in Opposition zum ökonomisch dominanten Spielfilm. Das Verständnis des Dokumentarfilms als »Fenster zur Welt « privilegierte eine interventionistische Praxis, die dem erklärenden Kommentar einen besonderen Stellenwert einräumte. Wenn auch modifiziert, greifen auch die neo-realistischen Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre zurück: Das authentische Material, aus dem der Dokumentarfilm seine Erzählungen gewinnt, prädestiniere das Genre für »unverfälschte Realitätsabbildung«.1 Beyerle 2 spricht von einem »reaktiven Charakter« der Theoriebildung und führt den Mangel an unabhängig-programmatischer Reflexionen auf die Theorieschreibung durch die Dokumentaristlnnen zurück: Wenn sie allgemein dominante formale Mittel, Themen und Zielsetzungen zurückweisen, diene dies nicht zuletzt dazu, eigene Inhalte und Ästhetiken als unabdingbare Neuerung hervorzuheben, Übereinstimmungen mit bereits existenten Dokumentarfilmtraditionen hingegen zu verschweigen und so den Authentizitätsanspruch des eigenen Repräsentationsmodus durchzusetzen; ähnlich argumentiert die Filmwissenschaftlerin Eva Hohenberger: »Doch, dass die frühen Theorien immer auch Selbstvergewisserungen sind, Legitimationen eigener Anschauungen, Verarbeitungen eigener Erfahrungen und Versuche der ästhetischen Verortung der eigenen filmischen Praxis, stellt sie in den generellen Kontext von Filmtheorie, die ebenso als zu-
doi:10.25365/oezg-2003-14-1-8 fatcat:2lyxcobgajcgvmmjef2hxtkzxi