Herr E, ganz ungewohnt

2017 Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy  
Sie erhalten den Anruf einer Frau E, die sich beklagt, dass sich ihr 71-jähriger Ehemann im Verlauf der letzten 10 Monate sehr stark verändert habe. Der bis anhin eher zurückhaltende, schüchterne Mann sei plötzlich triebhaft, bedränge sie häufig sexuell. Dies sei umso erstaunlicher, als dass er in den letzten Jahren zuvor eher etwas antriebslos, häufig gar emotionslos gewirkt habe. Letztens habe er zudem gewisse, für ihn als einen langjährigen sparsamen und disziplinierten
more » ... rwaltungsangestellten, äusserst befremdende Angewohnheiten entwickelt. Er habe begonnen, aus dem Internet nicht nur stundenlang pornographisches Material herunterzuladen, sondern sei zunehmend auch auf Glücksspielseiten gewesen und habe in der Zwischenzeit soviel Geld ausgegeben, dass das Paar gezwungen war, das Auto zu verkaufen und auf eine Ferienreise zu verzichten. Sie erfahren ausserdem von Frau E, dass ihr Mann bis vor kurzem immer bei bester Gesundheit gewesen war, sein Hausarzt ihm jedoch vor ca. einem Jahr einige Untersuchungen bei einem Neurologen organisiert hatte. Er nehme seither Medikamente ein, deren Name sie allerdings nicht wisse, Antidepressiva seien es auf alle Fälle nicht. Sie bestellen Herrn und Frau E zu einem Gespräch in Ihre Sprechstunde. Frau E berichtet Ihnen noch im Wartezimmer, ihr Mann habe vor lauter Internetgebrauch ganz vergessen, seine Medikamente aus der Apotheke zu holen und habe seit fast einer Woche keine Tabletten mehr. Auch sei es etwas seltsam, aber heute wirke er wieder fast so wie früher, und in den letzten Tagen sei auch sein sexueller Appetit verschwunden. Herr E, ein langjährig sparsamer und disziplinierter 71-jähriger ehemaliger Verwaltungsangestellter, entwickelt befremdende Angewohnheiten: Bis anhin eher antriebslos ist er gegenwärtig triebhaft und beschäftigt sich mit Glücksspielen. Kommentar [1, 2]
doi:10.4414/sanp.2017.00515 fatcat:xjlxvoitdfac3njpwil7dvmu6m