Normalität bei ehemaligen Pflegekindern

Daniela Reimer
2018
Leben in Adoptiv-und Pflegefamilien -Normalitäten und Krisen Referat im Rahmen der Forschungstagung vom 15. November 2018 Vortrag: Normalität bei ehemaligen Pflegekindern Daniela Reimer, Dr. phil Vielen Dank für die Einladung zu diesem Vortrag. Ich freue mich an und über Ihr Interesse am Thema Normalität. Wenn ich an das Thema Normalität bei ehemaligen Pflegekindern denke, dann fällt mir zuallererst ein Zitat ein, aus einem Interview, das ich im Jahr 2007 mit einer jungen Frau geführt habe, ich
more » ... u geführt habe, ich habe sie in meinen Veröffentlichungen Iris genannt, sie war damals 32 Jahre alt und hat mir neben vielen anderen interessanten Dingen berichtet: Ich hab manchmal so den Eindruck gehabt, dass viele Menschen unheimlich überrascht sind, wenn ich sage, ich bin Pflegekind, ich glaube, die stellen sich unter Pflegekindern was ganz anderes vor, also ich hatte immer so den Eindruck, man muss entweder wirklich behindert sein, geistig behindert oder sechs Ohren haben, also man muss irgendwie ganz anders sein [...] also es gibt 'ne Menge Vorurteile, wie ich finde, die einem dann auch entgegengebracht werden. Es haben ja auch wirklich sehr viele gesagt und, da war ich auch sehr überrascht, (verstellte Stimme) "ja, Mensch, und dann ist aus dir das geworden, was du jetzt bist, das hätte ich aber auch nicht gedacht, du müsstest eigentlich ja ganz anders dastehen", also ich hab immer so den Eindruck, dass viele glauben, ja wie soll ich das nur beschreiben, also man darf keinen Schulabschluss haben, man darf keine Ausbildung haben, man müsste schon sechsmal verheiratet gewesen sein, acht Kinder haben von acht unterschiedlichen Männern, also en stückweit sozial schwach hat man gefälligst zu sein (Iris, 32 Jahre). Diese und andere Aussagen, die in eine ähnliche Richtung gehen, haben mich darin bestärkt mich intensiver mit der Thematik der Normalität bei ehemaligen Pflegekindern zu befassen. Bevor ich hier allerdings tiefer einsteige, möchte ich gerne mit Ihnen gemeinsam etwas allgemeiner über Normalität nachdenken. Und dazu möchte ich erst mal den Tagungstitel näher betrachten: «Leben in Pflege-und Adoptivfamilien -Normalitäten und Krisen». Damit assoziiere ich, dass hier erstens wird hier nicht von Normalität sondern von Normalitäten gesprochen -möglicherweise gibt es also nicht die Normalität, sondern verschiedene Normalitäten. Weiter entsteht bei mir die Vorstellung, dass Normalität für und in Pflege-und Adoptivfamilien möglicherweise etwas anderes ist oder sein könnte als Normalitäten anderer Familien. Und der Zusatz Normalitäten und Krisen könnte darauf hindeuten: Normalität und Krise werden hier als Gegensatzpaar gesehen. Wenn alles normal läuft, ist die Krise abwesend, wenn es kriselt, ist es irgendwie nicht normal. An dieser Stelle würde ich allerdings gerne einhaken: Ist Normalität wirklich die Abwesenheit von Krise? Oder sind Krisen nicht auch Teil von Normalität? Konkreter: Würden Sie jemanden, der von sich selbst sagt, er habe noch nie eine Krise erlebt, normal finden? Würden Sie eine Familie, die von keiner Krise zu berichten weiss, als eine normale Familie bezeichnen? Oder ist es nicht eher so, dass da unsere fachlichen Alarmglocken schrillen, und wir eher von Verdrängung, Oberflächlichkeit, Bagatellisierung, Schönreden, u.ä. ausgehen würden bei Menschen, die sich vollständig von Krisen verschont sehen? Das Nachdenken über das Verhältnis von Normalität und Krise führt dann unweigerlich zu einem Nachdenken darüber, welche Vorstellungen und Bilder wir haben von normalen Kindern, normalen Menschen, normalen Familien. Ich würde Sie das gerne fragen und mit Ihnen in eine Diskussion darüber gehen, aber das würde leider den Rahmen hier sprengen. Anstatt dessen würde ich gerne einige möglicherweise etwas provokative Fragen in den Raum stellen:
doi:10.21256/zhaw-4947 fatcat:vauw4dyt6vcwxfnf3k7e5r4mzi