Fußball als Massenphänomen und Faszinosum der Weimarer Zeit

Andreas Luh
2022
Fußball wurde in der Weimarer Zeit zu einem Massenphänomen und zu einem Bestandteil der Alltags-und Freizeitkultur von Millionen von Menschen. Fußball war seit 1919 die beliebteste Sportdisziplin der Weimarer Zeit (EISENBERG 1993, 166) und kann hinsichtlich seiner Wachstumszahlen als der Trendsport der 1920er Jahre angesehen werden. Zurecht konnte der Gründungsvorsitzende des DFB, Ferdinand Hueppe, im Jahr 1926 behaupten, "dass Fußball das deutsche Nationalspiel geworden ist" (HUEPPE 1926, 267
more » ... .). Wie kaum eine andere Sportart traf der Fußball die Bedürfnisse, Gefühlslagen und Erwartungen weiter Bevölkerungskreise in einer sich beschleunigt wandelnden Zeit. Gerade auch aus diesem Grund wurde der Fußball von verschiedenen Institutionen des sportlichen, staatlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichs in sehr unterschiedlicher Weise in Anspruch genommen. Die vorliegende Untersuchung wird • der Verbreitung des Fußballsports in der Weimarer Zeit nachgehen • das sich in den 1920er Jahren ausdifferenzierende Organisationsgeflecht des Fußballs analysieren • das Selbstverständnis, die (Sport-) Ideologie und die Konfliktpotenziale der konkurrierenden Verbände herausarbeiten • eine Bewertung der Weimarer Fußballkultur als Massenphänomen und als soziale Massenbewegung vornehmen und eine Erklärung des Faszinosums Fußball in der Weimarer Zeit versuchen Die Arbeit stützt sich auf die weitgefächerte Sekundärliteratur zu den verschiedenen Aspekten der behandelten Thematik (vgl. SCHIFFER 2004) sowie auf Periodika und Archivalien beteiligter Verbände und Institutionen. Die Verbreitung Die Zahl der in Vereinen und Verbänden organisierten Fußballspieler betrug 1914 knapp 200.000, etwa 190.000 davon waren Mitglieder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), nur einige wenige tausend waren Mitglied im Arbeiter Turnerbund, und schätzungsweise nur einige hundert kämpften in der Deutschen Turnerschaft (DT) um das damals braune Leder (ZÖLLER 1976, 32-36; HAUK 1987, 163 f.). Die Mehrzahl der DFB-Angehörigen, in der Re-gel jüngeren und wehrfähigen Alters, wurde in die kaiserliche Armee eingezogen, allein 37.000 von ihnen starben in den Schützengräben des Weltkrieges. Ein geregelter Fußballspielbetrieb brach spätestens 1917 zusammen. Um so bemerkenswerter ist das explosionsartige Wachstum im Bereich des organisierten Fußballs in der Nachkriegszeit, getragen von DFB, Arbeiter-Turn-und Sportbund (ATSB), der neu gegründeten katholischen Deutschen Jugendkraft (DJK), und den ebenfalls neu entstehenden Behörden-und Firmensportvereinen. In nur vier Jahren vervielfachte sich die Zahl der organisierten Fußballspieler von etwa 150.000 Ende des Krieges auf etwa eine Million im Jahr 1922. Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Destabilisierung durch die politischen und wirtschaftlichen Folgen der Inflation 1923/24 stagnierte und fluktuierte die Mitgliederzahl der Fußballspieler in allen Verbänden (HAVEMANN 2005, 54 f.). Seit 1926/27 erfolgte ein langsames, kontinuierliches Wachstum im Bereich des organisierten Fußballs bis auf etwa 1,4 Millionen Mitglieder im Jahr 1932. Aufgrund der zersplitterten Organisationsstruktur des Fußballs und der nicht einheitlich nach gleichen Quellenstandards überlieferten, bisweilen nur indirekt zu erschließenden Mitgliederzahlen der maßgebenden Organisationen können zum Teil nur Näherungsund Schätzwerte für das Jahr 1932 angegeben werden 1 : Für das explosionsartige Wachstum der Fußballaktiven gerade in den ersten Nachkriegsjahren werden von zeitgenössischen Beobachtern und heutigen 1 Während die Zahlen für DFB, ATSB, DJK und DT über zeitgenössische Mitgliederstatistiken gut erfasst sind, liegen für die übrigen Angaben keine vergleichbaren Belege vor. Die angegebenen Schätzwerte werden im Zusammenhang mit der Behandlung der jeweiligen Organisation begründet. DFB (1.025.326) Sparte Fußball im ATSB (136.787) Fußballabteilung in der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (etwa 30.000) Fußballabteilung in der DJK (83.280) Fußballabteilungen in Vereinen der DT (12.000) Reichsverband Deutscher Firmen-Sportvereine und Berliner Arbeitsgemeinschaft Behörden-und Firmensport, Fußballaktive (schätzungsweise 35.000) Fußballaktive in Lehrlingssportvereinen (schätzungsweise einige tausend) Mitglieder der Fußballabteilungen von Polizei-, Reichsbahn-und Post-Sportvereinen (schätzungsweise 30.000-40.000) Fußballaktive in "wilden", verbandsmäßig nicht organisierten Zusammenschlüssen (schätzungsweise einige zehntausend) Fußballaktive in den deutsch-jüdischen Turn-und Sportverbänden Makkabi, Schild und VINTUS (etwa ein-bis zweitausend)
doi:10.13154/294-8963 fatcat:peqdoezd7vfjzk2ty6gkyee65q