Der »Liberalismus der Furcht« [chapter]

Andreas Hess
2016 Liberalismus  
Es ist ein "Liberalism without Illusions" (so betitelt der Herausgeber Bernard Yack die 1996 erschienene Festschrift für Judith N. Shklar), der uns in dem nun 2017 von Hannes Bajohr edierten "Liberalismus der Rechte" begegnet. Darin sind vier Beiträge von Judith N. Shklar aus den Jahren 1984 bis 1992 vereinigt. Es sind teilweise bisher unveröffentlichte Arbeiten aus der Spätphase ihres Schaffens, die Shklar als eine der wichtigsten Theoretikerinnen des Liberalismus im 20. Jahrhundert ausweisen.
more » ... rhundert ausweisen. Richtungsweisend ist der erste 1992 verfasste Beitrag mit dem bezeichnenden Titel "Rechte in der liberalen Tradition" und nicht "Liberalismus der Rechte" (20-64). Dies zeigt schon einen feinen Unterschied an, den Shklar selbst erläutert. Denn "die liberale Tradition [...] enthält eine Vielzahl von Denktraditionen, die sich unter anderem in der Art und Weise unterscheiden, wie sie den Begriff der Rechte unterscheiden" (20). Von den Spielarten der liberalen Tradition greift Shklar vier Arten heraus. So widmet sie sich zunächst dem "Liberalismus der persönlichen Entwicklung", der seine Wurzeln bei John Stuart Mill nicht verleugnen kann und dem "die Auffassung, dass Individualität das größte menschliche Gut sei" (27), wesentlich ist. Ihm folgt (nicht im chronologischen Sinne) der "Liberalismus der Rechtssicherheit oder der 'Herrschaft des Gesetzes'", der mit der Garantie von Sicherheit die Voraussetzungen schafft für wirtschaftliche Freiheit und das Recht auf Privateigentum. Diese Rechte sind Instrumente, legale Mittel zur Erlangung von Sicherheit, Freiheit und Wohlstand. Darin liegt auch die Attraktivität dieser Art von Liberalismus begründet. Der "Liberalismus der Furcht", zum ersten Mal erschienen vor dem Hintergrund der frühneuzeitlichen Religionskriege in Europa, repräsentiert vor allem durch John Lockes Brief über die Toleranz, schaut vor allem auf die Bedingungen der Freiheit und ihre notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen. Beim "Liberalismus der Rechte" handelt es sich um den "Liberalismus, der in den Vereinigten Staaten entwickelt wurde" (42). Indem Judith N. Shklar anhand relevanter Texte und Dokumente insbesondere auf die Frühgeschichte des Liberalismus der Rechte eingeht und hiebei sowohl die Rolle der Religion als auch die Erfahrungen der Sklaverei bis zu deren Abschaffung betont, wird vor allem eines deutlich -um es mit den Worten Shklars zu sagen: "Die amerikanische Staatstheorie hat von jeher die Verwirklichung individueller Rechte als das Ziel aller legitimen Institution betrachtet. Rechte verstand man von Beginn an nicht als Mittel, sondern geradezu als das Herz einer gerechten Regierung." (42) Der zweite abgedruckte Text "Die Idee der Rechte in der Frühphase der amerikanischen Politik" (1984" liest sich wie eine Vorstudie zum ersten Text, denn auch hier geht die Verfasserin ganz zu den Anfängen zurück, um "Bedeutung und Wichtigkeit von Rechten im amerikanischen Idiom ganz zu verstehen", denn Rechte gehören "zur lingua franca der Politik in den USA" (65). Auch in dem 1987 verfassten Aufsatz "Politische Theorie und die Herrschaft des Gesetzes" (108-148), in dem sie die dritte Spielart von Liberalismus gemäß dem ersten Beitrag eigens analysiert, bestätigt sich Shklars profunde ideengeschichtliche Kenntnis. Ausgehend von den für sie maßgeblichen zwei Archetypen oder Modellen einer "Herrschaft des Gesetzes", denen sie zum einen Aristoteles und zum anderen Montesquieu zuordnet, zieht sie die Entwicklungslinien auch hier bis in den gegenwärtigen politisch theoretischen Diskurs US-amerikanischer Prägung.
doi:10.13109/9783666800160.91 fatcat:fixrb5yohvandisatkm4swbdmq