Anmerkungen zu Utz Maas, Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945

Manfred Bierwisch, Humboldt-Universität Zu Berlin, Humboldt-Universität Zu Berlin
2020
Hier soll hingewiesen werden auf ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Projekt. Das dreibändige Gesamtvorhaben -denn um ein solches handelt es sich -besteht aus verschiedenen, aber aufeinander bezogenen Komplexen, die auf mehreren Ebenen zu diskutieren sind. Grundlage und Kern des Ganzen ist eine überaus beeindruckende Prosopographie, deren Auswahl durch zwei Faktoren bestimmt ist, die mit großer Umsicht, Informiertheit und weitgehender Neutralität gehandhabt werden: die professionelle
more » ... professionelle Beziehung der Aufgenommenen zur Sprachforschung und ihre Betroffenheit von den politischen Bedingungen der NS-Zeit (von beruflichen Einschränkungen über Vertreibung und Haft bis zur physischen Vernichtung). Die Kenntnisnahme und Bewusstmachung der politisch bedingten Deformation auch der Wissenschaft in der NS-Zeit ist wie in anderen Bereichen auch in der Linguistik lange verhindert, verdrängt oder einfach versäumt worden, und die von Utz Maas mit wechselnden Mitarbeitern über vier Jahrzehnte mit großer Energie, Geduld und Kompetenz erarbeitete Dokumentation ist noch immer eine Rarität, auch wenn sie inzwischen auf ein geschichtsbewusstes Umfeld und vergleichbare Bemühungen in anderen Gebieten trifft. Die Dokumentation -schlicht und etwas schnöde "der Katalog" genanntist eine mit großer Umsicht und enormer Sachkenntnis zusammengestellte Sammlung der Biographien von über 300 Personen unter Einschluss ihrer inhaltlichen Leistungen und Positionen, die nicht selten in reguläre fachliche Abhandlungen übergehen und so in vielen Fällen auch direkte Kenntnisvermittlung mit oft erstaunlichen Details leisten. Die Darstellung ist bemerkenswert sachlich und objektiv, indem sie gerade nicht die politische Verfolgung, die wissenschaftliche Position der Autoren und ihren fachlichen Rang miteinander vermischt. Dadurch wird mitunter schmerzlich deutlich, dass wissenschaftliche Bedeutung und politische Orientierung entgegen mancher geläufigen Mei-
doi:10.18452/21458 fatcat:2ehvq3q3u5fkbbvuokjbyagf5m