Can. 18 der Synode zu Mâcon vom Jahre 583 : ein Beitrag zur Geschichte des Strafrechts in der fränkischen Kirche

Georg May
2014
Die erste Synode zu Mäcon vom 1. November 583 1 ) war ein von König Guntram 2 ) berufenes Nationalkonzil für ein Teilreich, wie es in dem Reiche dieses Königs mehrfach abgehalten wurde 3 ). Die Versammlung war von 21 Bischöfen aus verschiedenen Kirchenprovinzen besucht, und die vier angesehensten waren die Erzbischöfe Priscus von Lyon, Evantius von Vienne, Artemius von Sens und Remedius von Bourges. Das Konzil beschäftigte sich nach der Weisung des Königs teils mit öffentlichen Angelegenheiten,
more » ... teils mit der Sorge für die Armen 4 ) und stellte 20 Kanones auf 5 ). x ) Dieses Datum ermittelt FriedrichMaaßenin den Vorbemerkungen zur Ausgabe dieses Konzils in den MG LL III, 1: Concilia aevi Merovingici (Hannover 1893) 155. Vgl. H. E. Feine, Kirchliche Rechtsgeschichte, I: Die katholische Kirche, 2. Auflage (Weimar 1954) 173 A. 5. Anders noch F.Maaßen, Geschichte der Quellen und der Literatur des canonischen Rechts im Abendlande, I: Die Rechtssammlungen bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts, Nachdruck (Graz 1956) 212. 2 ) Über ihn (mit Literaturangaben) LThK IV 750; IV 2 1279. 3 ) Lyon 567 und 583, Valence 584 (P.Hinschius, Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutschland. System des katholischen Kirchenrechts mit besonderer Rücksicht auf Deutschland III, Nachdruck, Graz 1959, 540 A. 4). Im 6. Jahrhundert war im Frankenreiche das synodale Leben rege. Zwischen 511 und 614 sind über 30 Reichskonzilien bekannt (K.Bihlmeyer-H. Tüchle, Kirchengeschichte, I: Das christliche Altertum, 13. Auflage, Paderborn 1952, 239). 4 ) Cum ad iniunctionem gloriosissimi domni Guntramni regis tarn pro causis publicis quam pro necessitatibus pauperum in urbe Matiscensi nostra mediocritas convenisset. .. (MG LL III, 1 p. 155s.). 5 ) MG LL III, 1 p. 156-160. Die Ausgabe von Sirmond (Paris 1629) und ihr folgend die späteren Ausgaben zählen nur 19 Kanones. Ich benutze davon H. Th. Bruns, Canones Apostolorum et Conciliorum saeculorumIV\ V. VI. VII, II (Berlin 1839) 242-246. Vgl. auch C. J. von Hefele, Conciliengeschichte III, 2. Auflage (Freiburg i. Br. 1877) 36-38; C. J. Hefele-H. Leclercq, Georg May c. 18, dem diese Untersuchung gilt, erscheint in manchen älteren Ausgaben als c. 17, während c. 17 der Ausgabe von Maaßen in diesen älteren Ausgaben mit c. 16 verbunden ist 6 ), c. 17 der älteren Ausgaben trägt wie alle übrigen Kanones eine Rubrik 7 ); diese ist jedoch nicht ursprünglich und kann deshalb hier unberücksichtigt bleiben. II. Der Wortlaut Der Text des c. 18 lautet nach der Ausgabe von Maaßen 8 ): Id etiam pari coniventia placuit, ut, quia in universo populo multi pro peccatis esse dicuntur, qui ambitionis instinctu sunt periuriis inretiti, ut, si quis convictus fuerit alios ad falsum testimonium vel periurium adtraxisse aut per quamcumque corruptionem sollecitasse, ipse quidem usque ad exitum non communicet; hli vero, qui ei in periurio consensisse probantur, post ab omni sunt testimonio prohibendi. Dieser Text unterscheidet sich von dem der älteren Ausgaben vor allem an zwei Stellen. An Stelle von >pro peccatis esse dicuntur< steht in ihnen >peccatis involuti esse dicuntur< 9 ). Auch Maaßen hält pro peccatis für eine lectio corruptaund schlägt als Emendierung >propagati, peccatis involuti edd.< vor 10 ). Die letzten fünf Worte >et secundum legem infamia notabuntur< fehlen in einem der vier Codices, welche Maaßen zur Stelle verglichen hat 11 ), und deshalb hält Maaßen sich für berechtigt, sie in den Apparat der Lesarten zu verweisen 12 ). Dazu ist ergänzend zu bemerken, daß die Worte >et secundum legem< auch im Cod. Paris. Lat. 1452 (Colb. 449), saec. X 13 ), den Maaßen für das erste Konzil von Mäcon nicht herangezogen hat, fehlen 14 ). Ich vermute, daß die Auslassung dieser Worte nicht ursprünglich ist. Es läßt sich m. E. leichter erklären, weshalb sie weggelassen als warum sie zugefügt wurden. Das Motiv der Auslassung dürfte darin gelegen sein, daß das Konzil sich auf die leges berief, um die Meineidigen und falschen Zeugen zu bestrafen. Die Bezugnahme auf das weltliche Recht in einem Konzilsbeschluß störte. Dies deutet auf eine kirchliche Richtung, welche die Autonomie der Kirche und ihre Unabhängigkeit vom Staat scharf betonte. Nun gehörte es zu den Zielen der dann spä-Histoire des conciles III, 1 (Paris 1909) 202-205. Uber die Handschriften s. Maaßen, Geschichte der Quellen 212. 636. 777. 779. 781; derselbe, MG LL III, 1 p. XII-XVI. Der Text findet sich jetzt in MGLLIII, 1 p. 155-161; in den älteren Ausgaben von Man si IX 931ss.; Hardouin III 450ss.; Bruns II 242ss. zur Verfasserfrage vgl. W. Lippe rt, Die Verfasserschaft der Canonen gallischer Concilien des j. und 7. Jahrhunderts: Neues Archiv 14 (1889) 36 f. 6 ) Vgl. Bruns II 245; wie Maaßen aber Hardouin III 453. 7 ) De his qui alios ad periurium seu falsum testimonium sollicitant et iis qui Ulis consentiunt (Bruns II 245). Danach handelt der Kanon von denen, die andere zu Meineid oder falschem Zeugnis anstiften, und jenen, die ihnen zustimmen, d. h. wohl auf die Anstiftung eingehen und sich zu den genannten Vergehen verleiten lassen. 8 ) MG LL III, 1 p. 159. 9 ) Vgl. Bruns II 245. 10 ) MG LL III, 1 p. 159 1. 41. ") MG LL III, 1 p. 155. Es ist dies der Cod. Phillippsii 1745, jetzt Berolin. 83 (Jes. 569, Meerm. 578), saec. VII-VIII, der von Maaßen und anderen mehrfach beschrieben worden ist (vgl. MG LL III, 1 p. XIII). Er wird von Maaßen MG LL III, 1 p. 155 als L bezeichnet. 12 ) MG LL III, 1 p. 159 1. 45. 13 ) Bruns II p. VI zu vergleichen mit MG LL III, 1 p. XIII. ") Bruns II 246. Can. 18 der Synode %u Mäcon vom Jahre j$ß 239 ter in den pseudo-isidorischen Dekretalen ans Licht tretenden Reformbewegung, den Laieneinfluß auf die kirchliche Gesetzgebung zu beseitigen 15 ). Im Dienste dieser »Entsäkularisierung« dürfte die erwähnte Auslassung stehen 16 ). III. Der Inhalt 1. Motiv. Als Motiv des Beschlusses gibt c. 18 an, daß viele im gesamten Volk in Sünden eingehüllt 17 ), nämlich aus berechnender Rücksichtnahme und selbstsüchtigen Absichten in Meineide verstrickt sind 18 ). Offenbar bedienten sich Mächtige und Reiche der von ihnen abhängigen oder armer Leute, um sich vor Gericht zu behaupten. Sie nutzten ihre gehobene soziale Stellung aus, um Schwächere auf ihre Seite zu bringen, die sie dann zu Meineid und falscher Aussage verleiteten. Die sozial Unterlegenen gingen auf die Angebote oder Drohungen ein, weil sie sich dadurch die Gunst der Mächtigen und Reichen zu erwerben hofften. Zu diesem Verständnis des Motivs von c. 18 stimmt das Bild, das wir von der Sittlichkeit im Frankenreiche am Ende des 6. Jahrhunderts im allgemeinen und von der Heilighaltung des Eides im besonderen haben 19 ). Die Kirche mußte ihren 18 ) Vgl. RE XVI, 3. Auflage, 301 f.; A.M. Stickler, HistorisIuris Canonici Latini, I: Historia Fontrum (Turin 1950) 122. Es ist bekannt, daß Pseudo-Isidor nirgends ausdrücklich angibt, daß er Texte des römischen Rechts bietet (vgl. C. G. Mor, La rece^ione del diritto romano neue colle-%ioni canoniche dei secoli IX-XI in Italia e oltr* Alpe: Acta congressus iuridici internationalis II, Rom 1935,296). Bekannt ist auch das Vorgehen Burchards von Worms, der Texte des römischen Rechts regelmäßig unter eine erfundene Uberschrift stellt, die sie im allgemeinen alten Konzilien zuweist (Mor, La recezione 299; P. Fournier, Le >Decret< de Burchardde Worms. Ses caracteres, son influence: Revue d'histoire ecclesiastique 12,1911, 460). 16 ) Es ist bemerkenswert, daß das erste Konzil von Mäcon im Cod. Phillipps. 1745 (Jes. 569, Meerm. 578) von anderer Hand als die übrigen gallischen Konzilien geschrieben ist (F. Maaßen, Bihliotheca Latina juris canonici manuscripta, I: Die Canonensammlungen vor Pseudo-Isidor: Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Classe, 56, 1867, 176). Im Cod. Berol. 435 (Hamilton 132) aus dem Ende des 8. Jahrhunderts sind die zwei Konzilien von Mäcon von merovingischer Hand geschrieben (P. Hinschius, Die kanonistischen
doi:10.5282/mthz/1045 fatcat:xp4l4gdscbbc7ahzijmzdr7tbu