Kann die Psychoanalyse noch etwas zur Sexualwissenschaft beitragen? [chapter]

Ilka Quindeau
2020 Die deutschsprachige Sexualwissenschaft  
In einem kurzen historischen Rückblick wird das ambivalente Verhältnis von Psychoanalyse und Sexualwissenschaft skizziert. Daran schließt sich die Darstellung einer der elaboriertesten psychoanalytischen Theorien des 20. Jahrhunderts an: die allgemeine Verführungstheorie von Jean Laplanche, mit der er an den Widersprüchen und Ungereimtheiten des Freud'schen Werkes ansetzte und der Psychoanalyse neue (erkennntnis-)theoretische Grundlagen schuf. Die Verführungstheorie stellt die zentrale
more » ... e zentrale Weiterentwicklung der Freud'schen Triebtheorie dar und siedelt die Konstitution des Begehrens in einer sozialen Beziehung an. Aufbauend auf dem Freud'schen Konzept der Bisexualität wird der Ansatz von Judith Kestenberg vorgestellt, die für beide Geschlechter die Notwendigkeit einer Integration des inneren und äußeren Genitals postuliert. Eine originelle Weiterentwicklung im 21. Jahrhundert bietet das Konzept des männlichen Vaginalen von Griffin Hansbury. Psychoanalyse und Sexualwissenschaft -»Mesalliance« oder fruchtbare Verbindung? Sowohl Psychoanalyse als auch Sexualwissenschaft sind Kinder des 20. Jahrhunderts -wie auch der Film. Eine Reihe von Analytiker_innen der zweiten Generation waren Sexualwissenschaftler_innen, es bestand in personeller und theoretischer Hinsicht eine enge Verbindung von Psychoanalyse und Sexualwissenschaft. So wurde die bahnbrechende These einer infantilen Sexualität von Moll und Freud fast zeitgleich formuliert (Sigusch, 2008). Provokant reklamierte Freud die »Entdeckung« der infantilen Sexualität für sich, obschon das kindliche Sexualleben auch von prominenten Sexualforschern seiner Zeit wie Albert Moll und Havelock Ellis für selbstverständlich gehalten wurde: »Auf sexualwissenschaftlichem Gebiet hat Moll zu verschiedenen Fragen als erster wegweisende Studien vorgelegt, die nachweislich Pioniere wie Freud stark beeinflusst haben. Zu nennen sind seine Arbeiten zur ›conträren Sehttps://doi.
doi:10.30820/9783837976977-191 fatcat:5saiu377p5e7vppfmkdr7ops24