Selbstwirksamkeit

Pierre Loeb
2020 Primary and Hospital Care  
Lassen Sie uns zusammen über Ihre Niere sprechen. Ich verstehe ja, dass Sie sehr enttäuscht sind, dass jetzt schon die zweite transplantierte Leichenniere ungenügend funktioniert und Ihr Körper mit Abstossungsreaktionen reagiert. Doch irgendwie fürchte ich, dass Ihre Wut auf diese transplantierte Niere nicht hilfreich ist. Vielleicht erreichen wir mehr, wenn es Ihnen gelingt, liebevoll zu Ihrer überforderten Fremdniere zu sprechen; wie zu einem adoptierten Kind. Ihre Adoptivniere wird sich
more » ... iere wird sich möglicherweise aufgehobener, akzeptierter, sicherer fühlen, wenn Sie ihr verständnisund liebevoll begegnen.» Der 47-jährige Patient tat sich erst schwer, in einem Rollenspiel zu seiner Niere zu sprechen, und noch viel schwerer, dies in einer unterstützenden heilsamen Art und Weise zu tun. Doch andererseits realisierte er schnell, wie enttäuscht, wütend und frustriert er mit der Performance seiner vor zwei Jahren eingepflanzten Niere ist. Fünf Jahre hat es gedauert, bis das erlösende Telefon kam, ein passendes Organ sei gefunden worden. Und jetzt das: Die fünfte akute humorale Abstossungsreaktion innerhalb von zwei Jahren, und wieder hochdosiert Prednison, intravenöse immunsuppressive Therapie mit Methylprednisolon und Antithymoglobulin, dazu Tacrolimus und Mycophenolat-Mofetiler nimmt schon so täglich dreizehn verschiedene Medikamente zu sich; doch das Schlimmste für ihn ist die Ungewissheit, ob es diese Niere schafft, ihn vor einer nächsten Phase dreimal wöchentlicher Dialyse zu bewahren. Die Indikation Für viele mag es abgehoben, esoterisch oder gar kindisch tönen, einem krebskranken, transplantierten oder sonst schwer erkrankten Patienten mit Imagination, positivem Denken oder Selbstliebe helfen zu wollen. Einzig fachmännische hochspezialisierte Medizin kann da etwas bewirken. Doch das ist gar nicht die Ebene, die ich da ansprechen will. Was ich bei meiner Arbeit beobachte ist, dass die Patientinnen und Patienten gern selbst etwas zu ihrer Heilung beitragen möchten. Sich einzig auf Ärzte und Expertinnen verlassen zu müssen, macht hilflos, abhängig, und letztlich gelten dann nur noch abstrakte statistische Werte: Kreatinin 179 μmol/l, Hyperkaliäme 4,7 mmol/l, 45-prozentige Chance, dass die Therapie überhaupt anspricht. Das ist nicht was der Patient/die Patientin will. Er/sie sollen zu ihrem Heilungsprozess beitragen können -hoffen und beten allein genügt dem aufgeklärten Patienten des 21. Jahrhunderts meist nicht mehr. Auch wenn O. Carl Simontons Ansatz heute umstritten ist, hat er aufgezeigt, wie der Patient mit Visualisationen seine Krebstherapie selbst unterstützen kann. Er liess seine Patienten Phagozyten imaginieren, welche die schwachen entarteten Krebszellen auffrassen. Damit bewirkte er keine Wunderheilungen, doch er konnte nachweisen, dass aktiv mitwirkende Patienten weniger Schmerzmittel benötigten, die Chemotherapie besser vertragen wurde und weniger Therapieabbrüche zu beklagen waren [1]. Die Theorie Doch nicht nur Simonton wies nach, wie Selbstbeteiligung den Heilungsprozess unterstützt. Zum einen ist es selbsterklärend und aus erziehungstechnischer, psychologischer Sicht naheliegend, dass ein positives Umfeld den Gesundungsprozess unterstützt. Die Hypnose macht sich dies zu Nutze, auch viele Vorgehensweisen in der Erfahrungsmedizin, die primär nicht Krankheiten bekämpfen, sondern gesunde Anteile fördern. Skill-Trainings In der Skill-Training-Reihe von Primary and Hospital Care möchten wir einfache Kommunikationshilfen für den Alltag vorstellen, die jedem Hausarzt, jeder Hausärztin in der Sprechstunde helfen, die psychosomatisch-psychosoziale Achse näher zu verfolgen. Feedbacks und Fragen zu dieser Serie sind willkommen in der Kommentarfunktion unterhalb des Textes in der Online-Version des Artikels auf primaryhospital-care.ch. 2014 wurde bereits eine erste Serie des Skill-Trainings publiziert. Sie finden sie im Archiv (primaryhospital-care.ch/archiv), indem Sie in der Volltextsuche den Namen des Autors Pierre Loeb und «skill» eingeben. Die Nummerierung der Skill-Training-Reihe wurde in der Online-Ausgabe dieses Artikels korrigiert. Wir entschuldigen uns für die in der Printversion vorhandenen Druckfehler. PRIMARY AND HOSPITAL CARE -ALLGEMEINE INNERE MEDIZIN 2020;20(9):274-275 ARBEITSALLTAG 274 Published under the copyright license "Attribution -Non-Commercial -NoDerivatives 4.0". No commercial reuse without permission.
doi:10.4414/phc-d.2020.10175 fatcat:lk6f3xr565gonocq24uqkgfvqy