Schönheit und Technik [chapter]

Getrud Koch
2016 Konzepte 2  
Das Verhältnis von Kunst und Technik ist auf verschiedene Weise bestimmt worden. Im ersteren Fall hat oder ist die Kunst selbst Technik im Sinne von techné, im zweiten ist sie die Negation des technischen Funktionalismus. Beide Definitionen verpassen die im Begriffspaar wirksame Dialektik: Kunst bringt in ihren Techniken etwas hervor, was immateriell ist, den schönen Schein: Häuser, die man nicht bewohnen kann, Bilder, die man nicht betreten kann, Bügeleisen, mit denen man nicht bügeln kann,
more » ... nde, die man nicht löschen kann, Tote, die man nicht begraben muß, Gewalträusche, die man nicht bestrafen muß. In den ästhetischen Operationen der Kunst können alle Objekte natürlicher und artifizieller Art zu Material werden, das sich jenseits ihrer Funktionen nach aisthetischen Modi der sinnlichen Wahrnehmung ausgerichtet, in etwas 'Schönes' transformieren läßt. Die binäre Opposition von schön/häßlich wird eingedampft: Auch das Häßliche, das Bittere, das Schmerzhafte wird im ästhetischen Schein zu einem Affekt zweiter Ordnung, Genuß am Schrecken, Lust am Ekel etc. In diesen ästhetischen Operationen der Erzeugung von Schein wird das Schöne zu jenem Extra, das zur Umwertung von funktionalen Dingen in Kunstobjekte führt. Die schöne Erscheinung erzeugt einen Mehrwert, zur Funktion kommt das Schöne als ein Wert hinzu, der wie jeder Wert eine ökonomische Bestimmung hat: Etwas ist 'nicht nur praktisch, sondern auch noch schön.' Deswegen sind z.B. Apple Produkte teurer als andere elektronische Geräte desselben Typus. Diese ökonomische Theorie des Schönen als ein Schein, der sich auf die materialen Objekte legt und diese in einem besonders kostbaren Licht erscheinen läßt, betrachtet das Schöne als eine Funktion des Scheins. Erzeugt wird damit eine Verzauberung, eine Art weißer Magie, die das Schöne in jene Fetisch-Funktion einrückt, die Karl Marx im ebenso kurzen wie folgenreichen Kapitel zum Fetischcharakter der Ware ins Zentrum gerückt hat. Dort wird der Fetisch dort gebildet, wo die Ware nicht mehr als Produkt der investierten Arbeit gesehen werden kann, sondern vermittelt über den Preis. Ein Beispiel, in dem das unnahbar Teure als das schöne, begehrte Objekt erscheint: Wie überall auf der medial globalisierten Welt ankern
doi:10.5771/9783465139638-25 fatcat:hipah4327zgx7c4ajazeg5jxu4