Vorwort

Winfried Haunerland
2021
Sollte im Kreuzworträtsel nach einer Wissenschaft gefragt werden, die sich mit Tieren beschäftigt, dürfte in der Regel "Biologie" oder "Veterinärmedizin" der gesuchte Begriff sein. In den vergangenen Jahren allerdings haben auch ganz andere Disziplinen sich den Tieren zugewandt. Der "animal turn" hat die Kunst-und Literaturwissenschaft erreicht, kultur-und sozialwissenschaftliche Beiträge sprechen davon und auch in Rechtswissenschaft und Philosophie ist der Begriff zu finden. Selbst in der
more » ... ogie wird zunehmend eine einseitige Anthropozentrik angefragt. Die damit verbundene Sorge um Natur und Schöpfung, die zuerst als umweltethische und ökologische Herausforderung verstanden wurde, findet vermehrt auch Ausdruck in Publikationen zur theologischen Tierethik. Über eine Theologie der Tiere oder auch Tiertheologie wird ernsthaft gesprochen. Seit der Gründung des Münsteraner Instituts für Theologische Zoologie im Jahr 2009 hat der "animal turn" in der Theologie auch eine institutionelle Konsequenz gefunden. Dass es weder über die Relevanz des Themas noch über die damit verbundenen inhaltlichen Aussagen einen Konsens in der Theologie gibt, kann bei einem Neuaufbruch nicht überraschen. Es wäre auch nicht verwunderlich, wenn medienwirksame Thesen einer neuen Suchbewegung sich im weiteren Verlauf der Diskussion als wenig tragfähig und korrekturbedürftig herausstellen. Damit wären allerdings die diesbezüglichen Anliegen und Fragestellungen nicht schon erledigt; also reicht es auch nicht, reflexartig zustimmend oder ablehnend zu reagieren. Theologische Beiträge zu Tierethik, Tiereschatologie oder anderen tiertheologischen Feldern verdienen einen sachlichen Diskurs. Dazu möchte das vorliegende Heft der Münchener Theologischen Zeitschrift ein Beitrag sein. Mit Simone Horstmann und Rainer Hagencord eröffnen zwei profilierte Vertreter der theologischen Zoologie bzw. Tiertheologie unser Heft. Der tiereschatologisch beliebte Verweis auf Röm 8 wird von Gerd Häfner exegetisch überprüft. Aus der Perspektive vergleichender Verhaltensforschung versucht Christian Kummer den theologischen Status der Tiere im Verhältnis zum Menschen zu bestimmen. Einen Überblick über die aktuellen tierethischen Fragestellungen gibt Markus Vogt. Mit den Überlegungen zu christlicher Tierbestattung setzt sich Winfried Haunerland kritisch auseinander. Die vegetarische "Theologie" von Richard Wagner und die Erlösungsidee in dessen Parsifal erläutert Martin Thurner. Abschließend fragt Hans-Dieter Mutschler nach dem intrinsischen Wert der außermenschlichen Natur und warnt dabei zugleich vor einer Übertragung der Würde des Menschen auf das Tier. Die Artikel unseres Heftes verbindet kein theologisches oder gar kirchenpolitisches Programm. Gemeinsam aber dürfte ihnen sein, dass sie Ausdruck des "animal turns" sind, der Hinwendung zu den Tieren und der Frage nach ihrem Status im Verhältnis zum Menschen. Die verschiedenen Beiträge sind Versuche, angemessen von Menschen und Tieren zu sprechen und damit von Gott und seiner Schöpfung.
doi:10.5282/mthz/5241 fatcat:qoww73hewvek3cemosi5owpm2m