10. Die Zweifaltigkeit der Welt von der spiegelung des festen im flüssigen [chapter]

Der sechste Sinn  
Die Zweifaltigkeit der Welt. Von der Spiegelung des Festen im Flüssigen | 165 Die Zweifaltigkeit der Welt Von der Spiegelung des Festen im Flüssigen Gibt es Gespenster? Oder, anspruchsvoller formuliert: Gibt es Götter? Letztere zeigen sich in der Regel nicht. Selbst Moses mußte sich mit der Stimme Gottes begnügen, der aus einem brennenden Busch, in der Wüste, hoch auf dem Sinai oder aus der Stiftshütte heraus zu ihm sprach. Geister dagegen treten hier und da in Erscheinung -in tierlicher wie
more » ... n tierlicher wie menschlicher Gestalt, als Windhose, Strudel oder wandernde Lichter über sumpfigem Grund. Da sie in Erdnähe leben, entspricht es ihrer Natur schon eher, sich zu »materialisieren«. Totengeister, dem Menschen am engsten verbunden, kehren periodisch zurück; sie verkörpern sich immer wieder aufs neue. Allgemein aber ziehen auch Geister es vor, gemäß ihrer Beschaffenheit ungesehen zu bleiben. Sie sind, gleich den Göttern, nicht von dieser, sondern einer anderen, mit den leiblichen Sinnen daher nicht unmittelbar wahrnehmbaren Welt, die dort beginnt, wo die unsere, erfahrungsgesättigt vertraute aufhört. Der Umschlag vollzieht sich nicht abrupt; die Übergänge sind fließend, die Konturen verschwimmen oder verschränken sich und durchfalten einander. So kommt es schon in Grenzbereichen, mehr dann aber noch darüber hinaus, zu ungewöhnlichen, verwirrenden, »exotischen« und häufig erschreckenden Erscheinungen. Denn was anders ist, hebt sich ab von der eigenen binnenweltlichen Ordnung, steht, je ferner man ihr entrückt ist, in teils kaum noch erträglichem Widerspruch zu ihr, schlägt zuletzt um in absolute Inversion, die gewöhnliche Menschen, die sich ihr aussetzen, tötet, das heißt sich zu eigen macht. Jenseits der Feldflur dehnen sich, wenig bekannt und unvertraut, Steppe, Busch, Wald, Dschungel, Sumpfland und karstige Höhenregionen aus, in denen es »unheimlich« ist, unberechenbare, meist bösartige Geister hausen, überall Gefahren lauern, Ungeheuer ihr Unwesen treiben und nur wenigen Begnadeten sich einmal eine Gottheit offenbart. Wer beherzt genug ist und die Schrecken nicht scheut, kann dort auch viel Neues erfahren und, wie die Märchenhelden im Zauberwald, in den Besitz
doi:10.14361/9783839402030-010 fatcat:3qmxgzollnbexahyuf3tg5azpe