Johannes Fried, Otto III. und Boleslaw Chrobry. Das Widmungsbild des Aachener Evangeliars, der »Akt von Gnesen« und das frühe polnische und ungarische Königtum. Eine Bildanalyse und ihre historischen Folgen, 1989

Roman Michałowski
2018
Das vorliegende Buch bildet einen wichtigen Beitrag zum Kennenlemen des politischen Gedankengutes von Otto III. Dem Verfasser gelang es, dank einer eingehenden Analyse des Widmungsbildes aus dem Liuthar-Evangeliar (Aachen, Dom, Schatzkammer) unser Wissen in diesem Bereich auf wesentliche Weise zu bereichern. Die Miniatur zeigt Otto III. in Beglei tung mehrerer Gestalten, darunter zwei gekrönte Männer. Und eben diesen gekrönten Gestalten widmet Johannes Fried seine Aufmerksamkeit. Seiner Meinung
more » ... eit. Seiner Meinung nach symbolisieren sie nicht Herzöge, wie man mitunter behauptet, sondern Könige. Die Monarchen, zu Füßen des kaiserlichen Thrones in einer Pose der Akklamation dastehend und mit einer Geste des Triumphes geschulterte Lanzen haltend, sind vom Kaiser unabhängige Herrscher, obwohl sie dank seiner Gnade die königliche Würde erhalten haben. Ihre Aufgabe ist es, Otto III. bei der Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen. Auf dem Widmungsbild des Liuthar-Evangeliars ist also eine politische Theorie dargestellt, in Übereinstimmung mit der der Kaiser bei seiner Renovatio Imperü Romanorum die Hilfe der »souveränen« Monarchen in Anspruch nimmt, die er zur Königswürde angehoben, oder vielmehr nur als Könige anerkannt hat. Diese Theorie hatte ihre Entsprechung in der politischen Realität: Otto III. kreierte Könige in den Personen von Stephan dem Heiligen und Boleslaw Chrobry, die als unabhängige Herrscher, aber in Zusammenarbeit mit dem Kaiser kirchliche Strukturen schufen und in der Sphäre ihrer politischen Dominanz das Christentum verbreiteten. Während die Königskrönung Stephans jedoch als sichere Tatsache angesehen wird, so ist die von Gnaden Ottos III. durchgeführte Krönung von Boleslaw eine Hypothese, die außer von Tadeusz Wasilewski und nun Johannes Fried von der ganzen gegenwärtigen Fachliteratur abgelehnt wird. Kein Wunder also, daß der Autor dem Nachweis seiner Hypothese viel Platz einräumt. Die von ihm angeführten Argumente sind in hohem Grade zweifelhaft und die Behauptung selbst wäre einfach abzulehnen, wenn nicht die Aussagekraft des Widmungsbil des dagegen spräche. Dem Autor gelang es nämlich zu beweisen, daß ein weitgehender Parallelismus zwischen dem besteht, was wir über die Insignien, Rechte und Pflichten des Königs aus dem Widmungsbild erfahren, und dem, was wir über die Insignien und Rechte wissen, die der polnische Herrscher in Gnesen im Jahre 1000 für sich beanspruchen konnte, als er nach der Meinung des Chronisten Gallus Anonymus von Otto III. zur Königswürde erhoben wurde. Nur ein Beispiel zu diesem Parallelismus: Die Könige halten auf der Miniatur in der Hand Lanzen, wobei es bekannt ist, daß Boleslaw in Gnesen vom Kaiser eine Nachbildung der hl. Lanze erhalten hat. Und trotzdem kann man die These von Johannes Fried, daß der polnische Herrscher im Jahre 1000 zum König gekrönt worden sei, nicht als vollkommen sicher ansehen. Der Verfasser hat nämlich gewisse Schwierigkeiten nicht aus dem Weg geräumt, auf die seine Konzeption stößt. Vor allem hat er nicht auf zufriedenstellende Weise auf folgende Frage geantwortet: Warum hat Gallus Anonymus in dem umfangreichen Bericht vom Gnesener Zusammentreffen nicht die mit der königlichen Salbung verbundenen kirchlichen Feierlich keiten beschrieben? Nach der Meinung von Fried hätten die kirchlichen Feierlichkeiten überhaupt nicht stattgefunden. Die Erhebung des polnischen Herrschers zur Königswürde habe sich auf den weltlichen Teil -die Auflegung des Diadems durch den Kaiser auf Boleslaws Stirn -beschränkt. Dies nicht etwa deshalb, weil die Teilnehmer der Ereignisse der Salbung keine Bedeutung beigemessen hätten, sondern weil es in Gnesen damals keinen Erzbischof gegeben habe, der diesen Ritus hätte vollziehen können. Denn infolge eines Protestes des Bischofs Unger, dessen Diözese bisher ganz Polen erfaßte, sei es damals nicht zur Bildung eines Erzbistums in Gnesen gekommen. Diese Interpretation überzeugt schon
doi:10.11588/fr.1991.1.56761 fatcat:7lnnldkvlbdephpntzlov6nica