Bemerkungen zu Dr. M. Sternberg's: Altes und neues über die Gicht

B. Laquer
1897 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Den trefflichen Ausführungen des Wiener Docenten, die in Kürze die therapeutischen Ergebnisse der neueren Gichtforschungen wiedergeben, mögen folgende vielleicht etwas schärfer zu betonende Einz&heiten und praktische Erfahrungen hinzugefügt werden. -In der Frage: Soll der Gichtiker viel oder wenig Eiweiss zu sich nehmen und in welcher Form? dürfte folgende Betrachtung die Diagonale der divergirenden Ansichten bilden. Jeder Kranke hat das Recht, von seinem Arzte die Erhaltung seines
more » ... seines Eiweissbestandes zu fordern; eine Herabsetzung der Eiweisszufuhr unter einen gewissen Schwellenwerth (1 2 g pro kg Mensch) ist also auch beim Gichtiker vollkommen verkehrt; abgesehen von den schädlichen Wirkungen der Eiweisseinschmelzung an sich gehen Stickstoffnmsatz und Harnsäureausfuhr bei ein und demselben Individium einander parallel. Ein Hebermaass der Eiweisszufuhr ist also ebenfalls schädlich. Dieselbe Versuchsperson, welche zehn Tage hintereinander ca. loo g Eiweiss gemischter Herkunft genoss, schied pro die im Mittel 0,72 g Harnsäure aus; als ihr neun Tage lang 115 g Eiweiss gereicht wurden , stieg die Harnsäureausfuhr auf 0,93, in der Unterernährung (bei verminderter Calorienzufuhr) verringerte sich die Harnsäureausscheidung durchaus nicht in entsprechendem Maasse, weil eine Einscbnielzung nucleïnreichen, Harnsäure bildenden Korperciweisses stattfand. Pflanzen-, Eier-, Milcheiweiss, welche die Harnsäureprodnction nach Versuchen von Umber, Hess, Schmoll und Verfasser nicht beeinflussen, bezw. (Caseïn) herabsetzen, sind in obigen Mengen (auf g Eiweiss berechnet) unbedingt gestattet. Auch Fleisch ist erlaubt, jedoch mit Berücksichtigung der Sorte und der Zubereitung. Entsprechend der Ko s s el-Horb a e z ew ski 'schen Theorie von den Nucleïnen als Muttersubstanzen der Harnsäure sind die kernreichen Organe, wie Leber, MiIz, Nieren, Gehirn, Kalbsthymus, von der Tafel des Gichtkranken zu streichen. -Das Muskelfleisch ist vorzugsweise in ausgekochtem. Zustande zu geniessen; Suppenfleisch enthält nur noch geringe Mengen der Extractivstoffe, welche eben in der Suppe gelöst sind und nach Versuchen von Strauss die Harnsäureausfuhr vermehren. Die Häufigkeit der Gicht in England -an Körperbewegung und "Anregung" des Stoffwechsels lassen doch die Briten höherer Stände nichts zu wünschen übrig -beruht neben klimatischen Factoren und dem Genuss conccntrirter Alkoholica, scharfer Gewiirze und Saucen -auf der ausschliesslichen Bevorzugung des halbgebratenen (underdone) Fleisches, die Seltenheit der Arthritis in Oesterreich auf der Beliebtheit des Tellerfleisches (Koliseh). Geflügel zu verbieten, weil die Vögel ausschliesslich Harnsäure produciren, ist theoretisch und praktisch hinfällig, da die per os eingeführte U nach den alten Versuchen von Frerichs, die Weintraud wiederholte, auch in grossen Mengen im Körper verbraucht werden. Wild, insbesondere im haut goût (Nierengifte!), gesalzenes Fleisch, Fleischextracte ebenso wie die letztere enthaltenden concentrirten Suppon schaden ebenfalls dem Gichtiker; Fische mit Ausnahme von eingesalzenen, deren starker Consum in gewissen Gegenden Russlands das dort häufige Vorkommen von harnsaurer Diathese erklärt (B u ng e), ausgenommen ferner Bogen, Caviar (nucloïnreich) sind erlaubt, ebenso fast alle leichteren Gemüse, Kartoffeln, Reis zur Schonung der "erbarmungslos gemisshandelten" Nieren, Obst und Früchte, Fette, insbesondere frische Butter, welche auf die Harnsäureproduction keinerlei Einfluss haben. Natürlich ist ein Hebermaass der genannten Nahrungsmittel, wie ein Zuviel der in mässigster Menge erlaubten süssen und sauren Speisen voni Uebel, weil zur Dyspepsie, einer der Hauptursachen des Gichtanfalls, führend. Auf der Beseitigung der Magendarmalteration beruht wohl auch die Wirkung des von Grimm im 1893 er Jahrgang dieser Wochenschrift bei Podagra empfohlenen Calomels und des Colchicums, welches in grösseren Dosen drastisch wirkt. 1) Schleich, Berliner klinische Wocbenschrift 1896, No. 19. Häufiger Genuss von Käse ist streng zu verbieten, weil Käse wenig Basen enthält, welche die aus dem Eiweiss gebildete Harnsäure und Schwefelsäure zu sättigen vermögen. Im Altenburg'scheii. wo die Landbevölkerung in Massen Käse verzehrt, sind Harnsteine und Gicht aussergewöhnlich häufig, in der Schweiz trotz gleichen Consums selten, weil viel Früchte mitgenossen werden (Bunge). Milchcuren mit langsamer Steigerung der Mengen sind nur, insoweit sie den Magen nicht belästigon, angebracht; dauernder Milchgenuss ist nur für ältere Gichtiker geeignet. Mischungen mit Vichy, Fachinger Wasser (letzteres ist deni Wiesbadener Gichtwasser mindestens gleichwerthig) sind recht zweckmässig. Thee, Kaflee, Cacao sind nur in verdiinnter Lösung erlaubt. Gichtiker sind eben ini allgemeinen Vielesser und Feinschmecker, besonders in den höheren Ständen ; die dadurch gesetzte Verdauungsleukocytose , die durch den Leukocytenzerfall gesteigerte Harnsäureproduction bilden vielleicht neben dem erblichen Moment einen Hauptfactor in der Pathogenese der Arthritis itrica. -Darum müssen blende, reizlose Diät, seltenere Mahlzeiten (drei pro Tag), Vermeidung schwerer Sitzungen", Sorge für Leibesöffnung innegehalten werden. Alkoholica sind nur in verdünnter Form und geringer Menge (Pilsener Bier bis 1/4 1, Moselwein mit Biliner oder Fachinger Wasser gemischt) erlaubt; an der Mosel ist echte Gicht äusserst selten. Und wieviel Mosel vertilgen die Winzer und Küfer täglich? Bezüglich Darreichung der Alkalien, mit deren Gattungen man abwechsle, und des kohlensauren Kalks verweise ich auf Sternberg's Anschauungen. Mässiger Sport, den schon Sydcnham empfiehlt, Radein, Turnen, Reiten, Rudern wirken günstig; körperliche Ueberanstrengung steigert die U-Bildung; so schied ein Mitarbeiter R. Kolisch's vor einer Schneeschuhpartie 0,93, während derselben 1,14, nach ihr 1,29 U aus. Im Anfall" selbst sind frühzeitige Bewegungen zu versuchen; salicylsaures Natron wirkt in etwa der Hälfte der Fälle, Massage des afficirten Gelenkes erhöht stets die Schmerzen, die Massage der Umgebung und Priessnitz-Umschläge lindern sie. Schwitzbäder ebenso wie warme Bäder (vorsichtig mit Beiücksichtigung von Constitution und Herzkraft verordnet) befördern entschieden die Harnsäureausschwemmung; im Schweisse von Gichtikern vermochte ich Harnsäure nachzuweisen. Schonungscuren, die mit HIIlfe diätetischen und hygienischen Regimes die überschüssigen Urato zu entfernen, den Hamsäurestoffwechsel niedriger einzustellen, den Zweck haben, sollten von Gichtkranken in derselben Weise alljährlich, ebenso wie dies für die Diabetiker postulirt wird, ausgeführt werden. Natürlich haben obige Ausführungen nur eine allgemeine Gültigkeit, magere und fette, junge und alte Gichtleidende -. erstere, meist verweichlicht und gegen Erkältungen empfindlich, suche man abzuhärtenferner ,asthenische" und "atonische" Gicht, solche mit Complicationen, wie Melhiturie und Albuminurie, Arteriosklerose erheischen besondere Rücksichtnahme. 15. April. DEUTSCKE NEDICIMSCBE WOCHENSORRIFT. 251 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1204953 fatcat:r7gbgpqakjfefptuoxmbdecatq