Braunschweig [chapter]

Deutschland im ersten Nachkriegsjahr  
Braunschweig in den Jahren 1945/46 Braunschweig Braunschweig in den Jahren 1945/46 In der Nacht vom 11. auf den 12.4.1945 erfolgte die kampflose Besetzung Braunschweigs, seit 1918 Hauptstadt des gleichnamigen Freistaates, durch Einheiten der 9. US-Armee, die seit dem Übergang über den Rhein am 23.3.1945 mit Stoßrichtung auf Hannover, Braunschweig und Magdeburg vorgerückt waren. Zwar hatte der deutsche Stadtkommandant, Generalleutnant Veith, unmittelbar vor der Besetzung mit den Amerikanern über
more » ... en Amerikanern über die Übergabe der Stadt zu verhandeln versucht, war damit aber angesichts der aussichtslosen militärischen Lage gescheitert. Am 5.6. übertrugen die Amerikaner den Engländern die Besatzung der Stadt. Die britische Militärregierung für den bis 1946 formell bestehenden Freistaat Braunschweig, das 120. Military Government Detachment, war bereits Ende April 1945 dem Kommando der Provinzialmilitärregierung in Hannover unterstellt worden. Durch den Krieg war die Bevölkerungszahl in Braunschweig zurückgegangen. Von den 196.068 Menschen, die am 17.5.1939 in der Stadt lebten, waren Ende 1944 nur noch 138.048 verblieben. Besonders durch die Luftangriffe des Jahres 1944, vor allem in der Nacht vom 14./15.10., war die Bevölkerungszahl in der Folge von Evakuierungen rapide gesunken. Im Juli 1945 waren zahlreiche Evakuierte zurückgekehrt, so daß bereits wieder 172.197 Menschen in der Stadt lebten. Täglich kamen etwa 3000 Menschen -Rückkehrer und Flüchtlinge -nach Braunschweig. Der Zerstörungsgrad in Braunschweig war erheblich. Bis Kriegsende wurden 33% des Wohnraumes zerstört, in der Innenstadt waren es sogar 82,9%, während in den Außenbezirken zahlreiche Häuser noch weitgehend erhalten waren. Damit gehörte Braunschweig zu den zwölf in Deutschland am stärksten zerstörten Großstädten. Durch das rasche Ansteigen der Einwohnerzahl nach Kriegsende verschärfte sich die Wohnungssituation zusehends. Das Wirtschaftsleben in Braunschweig, der Stadt mit der höchsten Industriedichte im späteren Niedersachsen, lag beim Einmarsch der amerikanischen Truppen zunächst am Boden. Wichtige Erwerbszweige waren die Metall-und Elektroindustrie, der Maschinen-und Fahrzeugbau, Feinmechanik und Optik. Dazu kam der Lebensmittel-und Konservensektor. Außerdem befanden sich in der näheren Umgebung von Braunschweig große Braunkohlelager. Zahlreiche Industrieanlagen waren bei dem britischen Luftangriff am 14./15.10.1944 getroffen und z.T. schwer beschädigt worden. Allerdings konnten wichtige Anlagen gerettet werden, weil die Arbeiter den kurz vor Übergabe der Stadt ergangenen Zerstörungsbefehlen der Nationalsozialisten kaum noch nachgekommen waren. Zahlreiche Betriebe konnten deshalb bereits im Mai 1945 wieder produzieren, am 7.5. nahm die IHK ihre Arbeit wieder auf. Nach wenigen Wochen waren bereits ca. 300 Produktionslizenzen für Betriebe mit über 50 Mitarbeitern vergeben worden, etwa die gleiche Zahl an Lizenzen für kleinere Unternehmen. Der größte Arbeitgeber der Stadt, die Büssingwerke, produzierte bereits am 18.4. wieder LKWs. Die amerikanische und ab 5.6.1945 die britische Militärregierung wollten in Braunschweig möglichst schnell eine funktionierende Stadtverwaltung unter deutscher Beteiligung errichten. Deshalb wurde der letzte nationalsozialistische Oberbürgermeister, Erich Bockler, nach der Besetzung zunächst in seinem Amt bestätigt. Erst am 1.6. erfolgte seine Ablösung durch Emst Böhme (SPD), der bereits 1929 bis 1933 das Amt des Oberbürgermeisters innegehabt hatte. Am 3.11.1945 wurden auf Vorschlag Böhmes 35 Ratsherren ernannt, ein symbolischer Akt, mit dem die britische Militärregierung begann, politische Kompeten-
doi:10.1515/9783110947700-009 fatcat:bcrwyyhguvboxpthr3mqsrnw3a