Heinz-Otto Sieburg, Geschichte Frankreichs, 1989

Ulrich Lappenküper
2018
Auch in Zeiten des nationalen Überschwangs scheint es für die Deutschen geboten, sich der Bedeutung ihrer zwischenstaatlichen Beziehungen -namentlich zu Frankreichbewußt zu bleiben. Um so begrüßenswerter mutet daher das Erscheinen eines Buches an, das uns die Geschichte unseres westlichen Nachbarn in kompakter Form näherbringen will. Sein Autor Heinz-Otto Sieburg, Mitglied eines kleinen Kreises von Spezialisten, die sich intensiv mit der Geschichte Frankreichs beschäftigen, legte bereits 1975
more » ... egte bereits 1975 als Frucht jahrzehntelanger Arbeit ein Handbuch vor, das nicht nur »den Geschehnisablauf der politischen Entwicklung«, sondern auch »die mehr statisch-strukturellen Faktoren« angemessen zu berücksichtigen trachtete. In einer nunmehr überarbeiteten Auflage behält der Verfasser sein traditionelles, chronolo gisch ausgerichtetes Grundmuster bei und ergänzt den vorhandenen Text über »Das Mittelal ter (843-1483)*, »Die neuere Zeit (1483-1798)«, »Das Zeitalter der Großen Revolution und Napoleons (1789-1815)«, »Frankreich im 19.Jahrhunden (1815-1871)«, »Das moderne Frankreich (1871-1975)« durch einen Abschnitt zum Thema »Frankreichs V. Republik in der nachgaullistischen Ära (1974-1989)«. Dem Aufbau des Gesamtwerkes gemäß, verdichtet sich die Darstellung, je mehr sie sich der Gegenwart nähert. Dieser Grundansatz führt indes dazu, daß die neue, im Gegensatz zu den vorhandenen Sektionen nur aus zwei Unterkapiteln bestehende Passage im Umfang recht ungleichgewichtig ausfällt. Während die Präsidentschaft Giscard d'Estaings auf neunzehn Seiten abgehandelt wird, stehen für die Regierungszeit Mitterrands fast doppelt soviel, nämlich siebenunddreißig Seiten zur Verfügung. Weitaus stärker fällt freilich eine andere, inhaltliche Änderung ins Gewicht. »Tragender Gedanke« seiner Darstellung, so schrieb Sieburg im Vorwort zur ersten Auflage, sei die »These, daß der in unserer Gegenwart problematisch gewordene »Nationalstaat« durch Frankreich und im Verlauf seiner Geschichte zu einer so reinen Form ausgeprägt worden ist, daß er in dieser seiner französischen Variante geradezu als historischer Modellfall gelten darf«. Aus diesem Grunde stand bisher die französische Nation von ihrer Entstehung im Mittelalter bis zur endgültigen Etablierung als Republik im Jahre 1871 eindeutig im Mittelpunkt der Betrachtung. Der in den siebziger und achtziger Jahren unseres Säkulums beschleunigte Prozeß der europäischen Integration veran laßte den Autor nun dazu, den nationalen Blickwinkel zu durchbrechen und die »Entwicklung der internationalen Beziehungen und des europäischen Einigungsprozesses aus französischer Sicht in Umrissen« einzubeziehen. In ebenso flüssiger wie prägnanter Diktion gelingt es Sieburg mit großer Souveränität, eine klare und solide Synthese verschiedenster Aspekte zu liefern. Aus der äußerst kurzen zeitlichen Distanz zwischen dem zu behandelnden Gegenstand und dem Standpunkt des Verfassersder sich nicht zuletzt in einer dürftigen Forschungslage zum Zeitraum nach 1974 widerspiegelt und ihn zu einem häufigen Rückgriff auf die Publizistik zwingt -ergibt sich freilich die Schwierigkeit, über die deskriptive Beschreibung des Handlungsablaufs hinaus zu einer tieferen Analyse zu gelangen und dem bisherigen Ansatz entsprechend eben nicht nur
doi:10.11588/fr.1991.3.56976 fatcat:ephv22v2ezhvhebuiifl4ddgla