Musik und Genderdiskurs. Einleitung – Der ,Pinkeffekt' [article]

Janina Klassen, Humboldt-Universität Zu Berlin, Humboldt-Universität Zu Berlin
2017
Das Überraschungsei ist gendered: "Neu und nur für Mädchen" bietet der Süßwarenkonzern Ferrero ab August 2012 die Schokolade rosaglitzernd verpackt und mit gesonderten Spielfigürchen bestückt parallel zur "klassische[n] Variante" an. "Pink und Ponyhof" seien Mädchen heute "genau so wichtig, wie Fußball und Frauenpower" behauptet die online-Werbung ("Das Mädchen-Ei" 2012). Bei der Produktkonzeption wird Gender als Marketingfaktor genutzt, um den Zugriff auf die kleinen Konsument_innen weiter zu
more » ... ptimieren. Eine derartige genderspezifische Kolorierung der Adoleszenz in rosa und blau lässt sich schon länger beobachten. JeongMee Yoon lichtet in ihrer Fotoserie The Pink Project & The Blue Project von 2006 bis 2009 Kinder und Jugendliche umgeben von ihren monochromen Spiel-und Schulsachen sowie Kleidern ab. Auch einschlägig gefärbtes technisches Equipment (Minicomputer, Telefone, Discplayer, Radios, Spieluhren) sowie Musikinstrumente (rosa und blaue Keyboards, elektrische und akustische Gitarren, rosa Blockflöten) gehören dazu. "Pink symbolizes sweetness and feminity", so Yoon, während blau zum Symbol für "strength and masculinity" (Yoon 2009) geworden sei. 1 Der von Yoon dokumentierte Trend zum Re-Gendering lässt sich indessen nicht auf eine rein kommerziell gesteuerte Vergeschlechtlichung beim Spielzeug und in der Mode (vgl. Lehnert 2012, Fräulein 2010) beschränken, sondern spiegelt eine allgemeine Tendenz in Kultur, Politik und Gesellschaft (vgl. Hanafi El Siofi/Moos/Muth 2010: 16f.). Ob auch Musi-ker_innen in der Familienbildungsphase in eine "Re-Traditionalisierung" (Wetterer 2003: 14, auch Blossfeld 2012) zurückfallen, ist nicht untersucht. Offen bleibt ferner, in welcher Weise das Genderverständnis derzeit Heranwachsender davon beeinflusst wird, wie auf dem Symposium Musik & Genderdiskurs (Freiburg, 2012) 2 besorgt artikuliert wurde. Wird die Aufhebung des bipolaren Geschlechterkonstrukts zugunsten variablerer und flexiblerer Modelle als Option zugrunde gelegt, so ist nicht entscheidend, ob der ,Pinkeffekt' als regressives Element beim Einüben in ein traditionelles Rollenmodell oder bei einer ironisch distanzierenden ästhetischen Inszenierung greift, denn beide Varianten zielen auf Abgrenzung. Inwieweit Lebenspraxis und fiktive Rollenkonstruktion (wie in vertonten literarischen Vorlagen, Musiktheater, Tanz und Film) einander beeinflussen, wird im Musik und Genderdiskurs immer wieder verhandelt (vgl. Rieger 2010: 67f.). Der Begriff "Pink" kann als Signal wörtlich wie metaphorisch eingesetzt werden. Diese Farbe steht für eine ganze Palette von Bedeutungen beziehungsweise Zuschreibungen. Neben den soften, femininen, enthält sie -je nach Intensität und Leuchtkraft -auch schillernde bis schrille Komponenten, ablesbar etwa an der Selbstkonstruktion der Popmusikerin
doi:10.25595/58 fatcat:v6ejpluthzajrcswuulodrttqi