Monument und Maschine Zur Bedeutung der Automatenmöbel David Roentgens für die Höfe

Von Versailles, Berlin, St Petersburg
unpublished
ein Gesuch an einen seiner bis dahin wichtigsten Kun-den, den Gouverneur der österreichischen Niederlande, Karl Alexander von Lothringen und Bar. Sein Ansinnen war es, einen Hoftitel zu erwerben und den Fürsten davon zu überzeugen, daß die von seiner Werkstatt gelieferten "großartigen Werke" der Kunsttischlerei fach-kundiger, d.h. der Pflege durch seine eigenen Mitarbei-ter bedürfen. 1 Aus den Ausführungen des geschäftlich versierten Kabinettmachers geht hervor, daß er hier vor allem auf die
more » ... or allem auf die mechanische Inneneinrichtung seiner Schränke abzielte, die für Uneingeweihte tatsächlich eine kaum zu überblickende Komplexität aufweist und vielfach geradezu das Maximum dessen darstellt, was im 18. Jahrhundert technisch in einem Luxusmöbel möglich scheint. So nimmt es nicht wunder, wenn Roent-gen in besagtem Schreiben den signifikanten Begriff "Maschine" zur Bezeichnung der Möbel heranzieht und weiter behauptet, daß diese nur "von einem Kenner unterhalten werden" können. Mit diesem Terminus zielt Roentgen wohl speziell auf ein Möbel ("Bureau") ab, das er bereits 1776 an Karl Alexander nach Brüssel geliefert hatte. Der Statthalter berichtet von diesem Ankauf in seinem Journal secrete am 23. August 1776, daß er für "cette machine"-nach Abzug einer bereits früher gelie-ferten Pendule, die er bei Roentgen wieder in Zahlung gab-noch 458 Doppel-Souvereigns bezahlt hätte. 2 Bis zum Tod des Erzherzogs 1780 stand dieses Möbel im Schreibzimmer seines Palais in Brüssel; ein Jahr darauf wurde es mit anderen Gegenständen des Nachlasses versteigert. 3 1823 gelangte es dann über seine Erben bezeichnenderweise in das Wiener Polytechnikum. 4 Immer noch-oder schon wieder-faszinierte noch vor den kostbaren Marketerien die virtuose mechanische Ausstattung des ungewöhnlichen Möbelstücks. Dieses seit 1872 im Museum für angewandte Kunst in Wien befindliche Möbel war das erste einer Reihe von ursprünglich drei relativ gleichartigen Schränken der Roentgenmanufaktur, die sich weniger in Einzelheiten ihrer äußeren Gestalt, dafür aber graduell in ihrem inne-ren Aufbau unterschieden. Gemeinsam sind ihnen die formale Konstruktion aus Unterbau, Schreibteil und Auf-satz mit Uhr, eine durch andere Möbel nie erreichte Höhe von über dreieinhalb Metern, die dekorative und ikono-graphische Verzierung und nicht zuletzt eine überreiche Ausstattung mit Mechaniken und Automatenwerken. Doch nicht die kunsthandwerkliche Qualität und Akkuratesse der Möbel sollen bei den folgenden Überlegungen im Mittelpunkt stehen, sondern das Zusammenspiel und die Bedeutung von Ikonographie, Monumentalität und Mechanik für die fürstlichen Bestel-ler. Diese Trias bildet die Basis für eine Interpretation der Schränke, die sie aus der latent pejorativen Bewertung als "fürstliches Spielzeug" 5 oder als Vorführstücke im engeren Sinne herauslöst und ihnen so den gebührenden Platz in der traditionellen Herrschaftssemantik des 18. Jahrhunderts zuweist-einen Platz, den sie in der Kunstgeschichte des Möbels schon seit jeher besaßen. Roentgens OEuvre erweist sich unter diesem Aspekt als künstlerisch prägender und auf Effekt ausgerichte-ter Bestandteil eines im höfischen Bereich auf Allegorie und Sinnbild ausgerichteten Repräsentationsmusters. Mit seinen artifiziell und technisch völlig einzigartigen Stücken vermochte er es auf individuelle Art ins Werk zu setzen. Da der Ebenist nicht im Auftrag seiner Kunden arbeitete, sondern fertige Möbel auf eigenes finanziel-les Risiko hin anbot, verließ er die traditionelle Rolle eines Hofkünstlers, dessen Werke zumeist auf mehr oder weniger exakt definierten Vorgaben basierten und durch das Kapital des Auftraggebers abgesichert waren. Die äußere ikonographische Gestalt seiner Prunkmöbel ist zwar im Kontext der allgemeinen Entwicklung des höfischen Möbels zu sehen und war deshalb durch den Jörg Meiner Monument und Maschine k
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