Probleme der Wortstruktur

Dieter Wunderlich
1986 Zeitschrift für Sprachwissenschaft  
Probleme der Wortstruktur Der Artikel befaßt sich mit der Abgrenzung von Wortstruk turregeln gegenüber Regeln der Syntax. Ausführlich wird auf die Möglichkeit der Legalisierung von Syntagmen und der dadurch bedingten peripheren Wortbildungsmöglichkeiten eingegangen. Es wird die These vertreten, daß universal nur Nomen und Adjektive als Kopf eines Kompositums auftreten können. In diesem Artikel will ich Fragen behandeln, die init der Abgrenzung von Syntax und Wortstruktur zu tun haben. 1
more » ... versuche ich, die traditionelle Vorstellung zu präzisieren, daß die Wortstruktur gegenüber der Syntax autonom sei (Autonomie-Hypothese). Dies erfordert zugleich, eine Vorstellung über die In-, teraktion von Syntax und Wortstruktur zu entwickeln. Man mochte z. B. verstehen, inwiefern das Genitiv-s, als Teil eines Wortes, für die Syntax relevant sein i kann, andererseits, inwiefern ein Verb wie aufhören, im syntaktischen Sinne ein Nicht-Wort, lexikalisch doch als Einheit anzusehen ist. Soweit ein Wort als Verkettung kategorialer Einheiten betrachtet wird, läßt sich die Wortstruktur als Spezialfall der X-bar-Theorie darstellen, die sonst vor allem die syntaktische Struktur charakterisiert. (Diese Idee findet man u. a. in Höhle (1982) , Selkirk (1982) und Toman (1982) ausgeführt.) Es scheint deshalb so, daß sich die Autonomie der Wortstruktur nicht allein mit strukturellen Gesichtspunkten begründen läßt. Den wesentlichen Unterschied sehe ich in der psychologischen Verfügbarkeit (Memorisierbarkeit) von lexikalischen versus syntaktischen Einheiten, der eine Reihe von Besonderheiten der Wortstrukturregeln plausibel macht. l Dem Artikel liegt ein Vortrag zugrunde, den ich am 28.5.1985 in Konstanz gehalten habe. In §1 verwende ich einige Ideen aus der Dissertation von Hans Uszkoreit (1984), komme aber z. T. zu anderen Ergebnissen. Auf Fälle der anaphorischen Beziehung und der Argumentvererb'ung, die für die in § 2 diskutierte Autonomie-Hypothese problematisch sind, hat mich Christian Dütschmann aufmerksam gemacht. Die Beispiele in § 3 aus dem Suaheli und Luiseno sind dem Buch von Langacker (1972) entnommen. Die in den § § 4 bis 6 verwendeten portugiesischen Beispiele verdanke ich Candida Silva-Joaquim, die spanischen Beispiele Terasa Parodi. Mit ihr habe ich auch die methodischen Kriterien zur Unterscheidung syntaktischer und lexikalischer Regeln in §4 diskutiert, wobei ich einen offenkundigen Fehler in Wunderlich (1985a) bemerkte. Die chinesischen Beispiele in §6 sind dem Buch von Li und Thompson (1981) entnommen, meine davon abweichende Einschätzung habe ich mit Richard Wiese diskutiert. Die japanischen Beispiele in den § §4 »und 6 habe ich aus Kageyama (1982), zu ihrem besseren Verständnis haben mir Florian Coulmas und Sebastian Lobner verhelfen. Bei den deutschen Beispielen greife ich auf Analysen zurück, die in Wunderlich (1985b) ausführlicher dargestellt sind.
doi:10.1515/zfsw.1986.5.2.209 fatcat:pypcgkdhdrg2fmjnti7s6ztdxi