Das Frankfurter Sonoptikum (und eine Gegenidee) [article]

Klaus-Ernst Behne, Leibniz Institut Für Psychologische Information Und Dokumentation (ZPID)
2020
Vom 6. bis 9. September 1990 brach in den Räumen der Alten Oper in Frankfurt die Musik der letzten einhundert Jahre auf die Gegenwart he r nieder: in über 40 Veranstaltungen (an gut drei Tagen!) waren acht Sinfonieorchester, zahlreiche renommierte Ensembles und Solisten zu hören, u. a. die Dirigenten P. Boulez, J. Judd und M. Giehlen zu bewun dern, Volker Hauff, Hans Joachim Friedrichs, Ute Lemper, Otto Schily und Guido Baumann als Moderatoren zu akzeptieren. Einige der Konzerte waren
more » ... rte waren inszeniert, wurden kommentiert (durch Texte von H. C. Schmidt), gaben (manipulative?) visuelle und verbale Anregung zur ei genen Interpretation. Um sich in der Fülle des angebotenen Wohllauts besser orientieren zu können, hatte man vier verschiedene Wege angebo ten: »Gradus ad Pamassum«, »Die mittlere Straße«, »Wechselbäder« und einen »Höhenweg«. Das Publikum war aber auch aufgefordert, sich in dieser zerklüfteten musikalischen Kulturlandschaft nach gründlichem »Karten«-Studium seinen eigenen Weg zu suchen. Ein monströses Spek takel, von gewitzten Werbemachern inszeniert, das das Individuum überfordert und der Sache nicht gerecht wird? Armin Brunner, der notorische musikalische Fernseh-Stimulator aus Zürich, hatte freie Hand bekommen, das Jahrhundert der »musikalischen Koexistenz« (leider -fast -ohne den Jazz!) exemplarisch vorzuführen, das Publikum die Spannweite von Debussy und Orff, Schönberg und Strauss, Yun und Penderecki erleben, erleiden zu lassen. Da Brunner für so manche ausgefallene TV-Inszenierung von Musik verantwortlich zeichnet, war es für ihn zugleich die Möglichkeit, das traditionelle Konzertritual nachhaltig in Frage zu stellen. Man stelle sich vor, Wim Thoelke würde uns mit lockeren Worten durch Schönbergs »überleben den ... « begleiten.
doi:10.23668/psycharchives.3269 fatcat:lp46ym4sajhb7dx3f2elwtfvei