Lebenswelten und Religiosität heutiger Jugendlicher

Herbert Stettberger
2015
Die Jugendlichen von heule sind wesentlich von ihrer pluralistischen Umwelt her ge prägt, das belegen neueste Studien auf dem Gebiet der Jugendforschung. Angesichts der gravierenden Veränderungen in sozio-kultureller, politischer und kommunikations-sowie medizin-technischer Hinsicht haben sich auch die Lebenswelten der Jugendlichen in den letzten beiden Jahrzehnten drastisch gewandelt. Auf einen zusätzlichen, ganz entschei denden, ja dramatischen Einflussfaktor ex tempore weist der Autor,
more » ... st der Autor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität München und Stu dienrat am Gymnasium Grafing, hin: Die grausamen Terroran sch läge vom 11. September 2001 und der anschließende Krieg gegen den Terror haben und werden die Welt nachhal tig verändern. Im Folgenden werden die modifizierten Lebenswelten und neue Formen der Religiosität von jungen Menschen aktuell beschrieben sowie mögliche Entwicklun gen und weitere Perspektiven aufgezeigt.________________________ I !e rbe rt St ei iberg e r Gerade die nachfolgende junge Generation wird die jetzt noch unabsehbaren kurz-und vor allem langfristigen Folgen dieser schrecklichen Ereignisse zu spüren bekommen. Wie wird sich diese veränderte weltpolitische Situation auf die Lebenswelten Jugendli cher auswirken9 Welche der bisherigen Entwicklungstendenzen setzen sich fort? 1 Verunsicherung und Kompetenzverlust als iMUgzeitfaktoren in einer vom Sicherheils denken geprägten Welt Weit über eine erste totale Betroffenheit und Ohnmacht angesichts der entsetzlichen Geschehnisse in den USA hinausgehend, werden diese maßlosen Terroranschläge und die verteidigungs-, sicherheits-, sozial-und nicht zuletzt die finanzpolitischen Konsequenzen unser Denken und Handeln prägen. Noch unabsehbar sind die Konsequenzen, die sich aus den militärischen Aktionen seitens der USA und ihrer Verbündeten ergeben werden; durch die Einbindung der Nato-Staaten in den gemeinsamen Bündnisfall verschärft sich auch der Sicherheitsaspekt hierzulande. Die Bombardierung Afghanistans und anderer Staaten führt sicherlich auch zu neuem menschlichen Elend und schafft so wiederum den Boden für neue Gewalttaten. Hinzu kommen neu entfachte Ressentiments auf kultureller und religiöser Ebene, welche vermutlich extreme Meinungen an Popularität gewinnen lassen. Insbesondere die junge Generation kann sich aus diesem gesamtgesellschaftlichen Prozess nicht herauslösen. Vereinfacht dargestcllt, lassen sich zwei hauptsächliche Einflussfaktoren auf die Ju gendlichen heute ausmachen: Zum einen spielen die seit der Katastrophe vom 11. Sep tember 2001 angeordneten und noch ausstehenden staatlichen Sicherheitsmaßnahmen ei ne entscheidende Rolle im Hinblick auf die Pcrsönlichkeitsentfaltung junger Menschen; zum anderen ist das Gefühl latenter Angst vor einer weiteren Eskalation von Terroran schlägen nicht nur bei den Erwachsenen, sondern -zum Teil als Folge einer verunsicher ten Gesellschaft -auch und gerade bei Jugendlichen zu nennen; aktuellen Umfragen zufolge fürchtet sich die Mehrheit der Deutschen vor Terrorattacken auch in Deutschland. Was das Thema "innere Sicherheit" angeht, so ist u. a. mit einer verstärkten Kontrolle von Öffentlichkeitsbereichen, einem Kompetenzzuwachs für die Ermittler aus Polizei und Geheimdienst sowie mit einem zusätzlichen Maßnahmenkatalog seitens der Rechtsprechung und der Prävention von Verbrechen, aber auch mit Zensur und Überwachung im medialen Bereich zum Schutz der Bevölkerung zu rechnen; so sind derzeit ein zusätzlieher Fingerabdruck sowie eine biometrische Portraitaufnahme im Reisepass im Gespräch, amerikanische und israelische Institutionen werden verstärkt bewacht, an Flughäfen, Bahnhöfen und einer Vielzahl weiterer öffentlicher Institutionen kommt es zu vermehrten Polizeikontrollen, die Handlungskompetenzen des Verfassungsschutzes sollen erweitert, Telephonate im großen Umfang abgehört werden usw. (vgl. u.a. dazu die SZ Nr. 215 vom 18.09.2001, 1 u. 2). Datenschützer befürchten daher eine gewisse Einschränkung der Bürgerrechte. Jedenfalls führen die bereits geschehenen und u. U. noch folgenden Terrorattacken bzw. ihre unmittelbaren und langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaft dazu, dass die Mobilität und -wenn man so will -auch die Freiheit Jugendlicher zu ihrer eigenen Sicherheit von Seiten des Staates, aber auch von Seiten der Eltern und Erziehungsberech-
doi:10.5282/mthz/4250 fatcat:x5mtrmfp4vf2vcjjfvc2orjn6u