Zweifel am Erklärungspotential von Absichten

Axel Bühler
unpublished
In diesem Aufsatz will ich allgemeine theoretische Überlegungen diskutieren, die gegen die Zielsetzung der Feststellung von Autorabsichten bei der Interpretation vorgebracht werden könnten. Zunächst unterscheide ich verschiedene Versionen des Anti-Intentionalismus und prüfe, welche Formen von Anti-Intentionalismus tatsächlich mit dem hier vertretenen hermeneutischen Intentionalismus unvereinbar sind. Im Anschluß daran betrachte ich, mit welchen Argumenten die mit dem hermeneutischen
more » ... smus unvereinbare Formen des Anti-Intentionalismus Zweifel an der Erklärungsleistung von Absichten rechtfertigen könnten. Dabei untersuche ich zwei wichtige Arten der Begründung des Anti-Intentionalismus, erstens die Annahme der Irrelevanz von Autorabsichten für die Erklärung von Texteigenschaften, zweitens die Annahme, Autorabsichten führten zu falschen Erklärungen. Ich will aufweisen, daß diese Begründungen des Anti-Intentionalismus nicht erfolgreich sind. (I) Versionen des Anti-Intentionalismus: Anti-Intentionalismus hinsichtlich der Interpretation von Rede und Text lehnt die Feststellung von Autorabsichten bei der Interpretation als Interpretationsziel ab. Mindestens folgende fünf Arten von Anti-Intentionalismus lassen sich unterscheiden, eine allgemeine und vier speziellere Varianten: 1) Allgemeiner Anti-Intentionalismus: "Es ist nicht Aufgabe der Interpretation von Rede und Text, irgendwelche Autorabsichten festzustellen, auch keine äußerungsbezogenen Absichten, seien dies Bewirkungsabsichten (darunter Bedeutungsabsichten) oder Gestaltungsabsichten." 2) Anti-Intentionalismus bezüglich bestimmter Arten von Sprachhervorbringung: "Obzwar Absichten für die Erklärung von Eigenschaften der meisten Arten von Sprachhervorbringung herangezogen werden können, gibt es einige Arten von sprachlichen Produkten, deren Eigenschaften nicht durch Absichten erklärt werden können. Für deren Interpretation brauchen Autorabsichten somit nicht festgestellt zu werden." Einige Theoretiker beziehen diese Art von Anti-Intentionalismus auf literarische Texte gegenüber allen anderen Arten von Text, andere ganz allgemein auf schriftliche Texte gegenüber mündlicher Rede. 3) Anti-Intentionalismus hinsichtlich der Bedeutungsabsichten: "Es ist keine Aufgabe der Interpretation, die Bedeutungsabsichten des Autors herauszufinden, und damit das, was ein Autor mit der Verwendung einer Zeichenfolge meinte." Nach dieser Auffassung ist es zwar Aufgabe der Interpretation, die Bedeutung eines Textes und seiner Bestandteile festzustellen; die Bedeutung einer Rede oder eines Textes dürfe aber nicht damit identifiziert werden, was ein Autor mit seiner Verwendung einer Zeichenfolge meinte. Nicht immer sei nämlich die tatsächliche Äußerungsbedeutung mit der beabsichtigten Bedeutung identisch. Also seien die Bedeutungsabsichten des Autors irrelevant, wenn wir die Bedeutung eines Textes oder einer Rede ermitteln wollen. 4) Ästhetischer Anti-Intentionalismus: "Ob es dem Autor eines literarischen Kunstwerkes gelingt, seine mit Rede oder Text verbundenen ästhetischen Absichten zu verwirklichen, ist für die ästhetische Nutzungshinweis: Es ist erlaubt, dieses Dokument zu drucken und aus ihm zu zitieren. Wenn Sie aus diesem Dokument zitieren, machen Sie bitte vollständige Angaben zur Quelle (Name des Autors, Titel des Beitrags und Internetadresse). Jede weitere Verwendung dieses Dokuments bedarf der vorherigen schriftlichen Genehmigung des Autors. Axel Bühler: Zweifel am Erklärungspotential von Absichten Quelle: http://www.mythos-magazin.de/erklaerendehermeneutik/ab_absichten.pdf 2 /13 Beurteilung eines Kunstwerks irrelevant. Deswegen ist es keine Aufgabe der Interpretation eines Kunstwerks, die ästhetischen Absichten des Künstlers festzustellen". 5) Semantischer Anti-Intentionalismus: "Wenn wir sprachliche Bedeutungen feststellen wollen, brauchen wir uns nicht auf Sprecherabsichten zu beziehen. Denn der Begriff der sprachlichen Bedeutung läßt sich nicht durch den Begriff der Sprecherabsicht explizieren." Wir werden sehen, daß Anti-Intentionalismus bezüglich Bedeutungsabsichten, ästhetischer Anti-Intentionalismus und semantischer Anti-Intentionalismus mit dem hier verteidigten hermeneutischen Intentionalismus durchaus vereinbar sind. Nur der allgemeine Anti-Intentionalismus und der Anti-Intentionalismus bezüglich bestimmter Arten von Sprachhervorbringung stehen mit dem hermeneutischen Intentionalismus im Widerspruch. Zunächst zum semantischen Anti-Intentionalismus. Er richtet sich gegen den semantischen Intentionalismus, d.i. das sprachphilosophische Programm, den Begriff der sprachlichen Bedeutung durch den Begriff der Sprecherbedeutung zu explizieren. Dieses Programm ist vor allem von Grice entwickelt worden und wurde von verschiedenen Autoren überzeugend kritisiert. 1 Es sollte klar geworden sein, daß ich dieses Programm nicht verteidigen will. Vor allem aber ist das Programm des semantischen Intentionalismus nicht unmittelbar für die Frage nach der Rolle von Absichten bei der Interpretation relevant. Denn Zielsetzungen der Textinterpretation betreffen -wie wir gesehen haben -nur zu einem geringen Teil die Feststellung der Bedeutung von sprachlichen Äußerungen und ihrer Bestandteile. Der semantische Anti-Intentionalismus und der hermeneutische Intentionalismus sind also miteinander vereinbar. Deswegen werden uns der semantische Anti-Intentionalismus und seine Begründung nicht weiter beschäftigen. Sodann zum ästhetischen Anti-Intentionalismus. Er behauptet, daß die Autorabsichten für den ästhetischen Wert eines Werkes irrelevant sind, und betrifft so die Rolle von Absichten bei der ästhetischen Bewertung, vor allem von Kunstwerken. Die Frage nach der ästhetischen Relevanz von Autorabsichten ist eine Frage der Bewertung der ästhetischen Eigenschaften eines Werkes. Ihre Beantwortung erfordert eigene Überlegungen zur ästhetischen Bewertungsproblematik, die in unserem Zusammenhang, der Interpretation als kognitive Unternehmung betrifft, nicht relevant sind. Deswegen werde ich den ästhetischen Anti-Intentionalismus und Begründungen für ihn hier nicht untersuchen. Nunmehr zum Anti-Intentionalismus bezüglich Bedeutungsabsichten. Unter "effektiver Äußerungsbedeutung" verstehe ich im Folgenden die Bedeutung einer sprachlichen Äußerung, die ein Rezipient aufgrund der Äußerungsbedeutung und aufgrund bekannter Hintergrundinformationen erschließt. In manchen Fällen weicht die effektive Äußerungsbedeutung von der beabsichtigten Bedeutung ab, und zwar u.a. dann, wenn es Sprechern nicht gelingt, die von ihnen beabsichtigte Bedeutung zum Ausdruck zu bringen. 2 In diesen Fällen können Rezipienten als effektive Äußerungsbedeutung oft allein eine von der beabsichtigten Bedeutung abweichende Bedeutung feststellen (und nehmen diese für die beabsichtigte Bedeutung bzw. können für diese Äußerungsbedeutung keine befriedigende Erklärung geben). Die effektive Äußerungsbedeutung bestimmt aber, wie Rezipienten auf die Äußerung reagieren. Soziale Relevanz, d.h. Wirkungen der Äußerung auf andere, kann deswegen unmittelbar nur die effektive Äußerungsbedeutung haben, nicht die beabsichtigte Bedeutung. Es ist klar, daß Bedeutungsabsichten als solche nicht immer dafür geeignet sind, die sozialen Effekte einer sprachlichen Äußerung zu erklären. Wenn wir erklären wollen, wie andere auf sprachliche Äußerungen reagieren, müssen wir auch in Rechnung stellen, daß die tatsächlich gemachten Äußerungen gelegentlich nicht den Absichten der Sprecher entsprechen bzw. daß die Rezipienten sich nicht die Mühe geben werden, die Absichten der Sprecher im einzelnen zu eruieren. Für die Erklärung der sozialen Effekte sprachlicher Äußerungen sind also die Bedeutungsabsichten oft irrelevant. Nun geht es aber nach dem hermeneutischen Intentionalismus bei der Interpretation von Texten und sprachlichen Äußerungen nicht darum, die sozialen Effekte von Äußerungen zu erklären, son-1 Siehe vor allem von Savigny 1983, Kap. VI; Röska-Hardy 1988 , Kap. IV, und Dickie und Wilson 1993 Siehe Dickie und Wilson 1993, Abschnitt 3.
fatcat:77griz3juzhmnpfpmkwlsl4hya