Die Zukunft des Weltregierens. Michael Zürn zum 60. Geburtstag

Tine Hanrieder, Bernhard Zangl
2020 Zeitschrift für Internationale Beziehungen  
Die Zukunft des Weltregierens. Michael Zürn zum 60. Geburtstag 1 Vermutlich war es selten wichtiger, die politische und gesellschaftliche Bedeutung internationaler Institutionen für das globale Regieren zu verstehen als heute. Denn einerseits wird die Forderung nach mehr Autorität für diese Institutionen immer lauter. Sie sollen den Klimawandel bekämpfen, die Finanzmärkte zügeln, das Flüchtlingsdrama lindern, den Freihandel garantieren und die Menschenrechte durchsetzen. Doch andererseits wird
more » ... andererseits wird auch die Forderung, ihre Autorität zu begrenzen immer lauter. Deshalb wird in Großbritannien darüber gestritten, wie aus der EU auszutreten ist; deshalb rufen aufsteigende Mächte wie China neue internationale Institutionen ins Leben; und deshalb unterminiert mit den USA der global mächtigste Staat von ihm selbst geschaffene internationale Institutionen. Im Ergebnis dieser widerstreitenden Forderungen befinden sich internationale Institutionenund das in ihnen sich vollziehende globale Regieren -immer mehr in einer Zwickmühle: sie sollen zugleich mehr und weniger Autorität ausüben. Um die widerstreitenden Forderungen nach mehr und zugleich weniger Autorität und die damit verbundene Zwickmühle zu verstehen, steht der global governance Forschung, nicht zuletzt dank Michael Zürns Beitrag, heute ein ausgereiftes Instrumentarium zur Verfügung, das sowohl eine empirisch analytische als auch eine normative Perspektive auf das globale Regieren erlaubt. So zeigen gerade die Arbeiten von Michael Zürn, wie sich die Forderungen nach mehr und die Forderungen nach weniger Autorität für internationale Institutionen in einem komplexen Zusammenspiel wechselseitig bedingen. Danach haben internationale Institutionen die Globalisierungsprozesse befördert, welche Forderungen nach mehr Autorität internationaler Institutionen begünstigen. Doch der resultierende Autoritätszuwachs internationaler Institutionen hat ein Legitimationsproblem geschaffen, welches die Politisierung internationaler Institutionen antreibt. Und diese Politisierung befördert vor dem Hintergrund des Legitimitätsdefizits internationaler Institutionen Forderungen, die Autorität internationaler Institutionen wieder zu begrenzen. Damit geraten internationale Institutionen nicht nur in eine Zwickmühle, vielmehr tragen die widerstreitenden Forderungen nach mehr und nach weniger Autorität für internationale Institutionen zur Spaltung derjenigen Gesellschaften bei, welche diese Institutionen über Jahrzehnte hinweg getragen haben. Um der Zwickmühle zu entrinnen, muss in Forum 96
doi:10.5771/0946-7165-2020-1-94 fatcat:visbeqd4svcwrjxyzksrwvtv2a