II.Der doppelsinn in Sophokles Oedipus könig

Arnold Hug
1872 Philologus (Berlin)  
ίΐς πάντ ν,γαν aivixTÙ χάσαι/η Χίγας. Oed. Κ. 439. Die neigung, doppelsinnige worte und ausdrücke oder sätze zu gebrauchen kommt niclit etwa bloss in der komödie, wo man von vornherein dergleichen als geistreiches spiel, als mittel der täuschung erwartet, sondern auch in der griechischen tragedie in einem weit ausgedehnteren masse vor, als man glauben sollte. Ja das athenische publicum scheint diese art geistreicher rede {tiaioμιΐν, Aesch. Choeph. 997) geradezu vom dichter verlangt zu haben: es
more » ... wollte durch etymologische deutungen und uindeutungcn über den reichthum seiner spräche belehrt werden: die zeit des naiven gebrauches derselben war vorüber: plötzlich war den Athenern ein licht über die Schönheit ihrer spräche und ihren reichen, gegliederten Organismus aufgegangen; und zu gleicher zeit wahrend sie über die verschiedenen geschlechter der werter, über den unterschied von ¡¡ημα und υνομα zu philosophiren begannen, während sie anfingen sprachliche, etymologische, logische interpretation an ihren dichtem auszuüben (vgl. den platonischen Protagoras) -wollten sie auch, dass ihre dichter, selbst die der ernsten tragödie, die neugewonnene etymologisch -grammatische erkenntniss dazu verwenden, um ihnen, dem zuhörenden publicum, rathsel aufzugeben, welche den scharfsinnigem ermöglichen sollten, sogar den gang der ereignisse zum voraus zu errathen. I>er natürlichste platz für den gebrauch doppelsinniger ausdrücke ist zunächst eine solche scene, in welcher vom sprechenden Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 10/11/16 9:46 AM Oer doppelsinn in Sophokles Oedipus könig. 67 die täuschung eines andern beabsichtigt wird. Oie berühmteste scene dieser art in Sophokles ist das zweite epeisodion im Aias 646--692, in welchem der held des stiickes in scheinbarer ruhe seine Sinnesänderung verkündet und den entschluss mittheilt das verhängnissvolle gastgeschenk des Hektor, das schwert, zu verbergen, wo es niemand sehe: ein entschluss. den Tekniessa in freudiger Überraschung in seinein wortsinn fasst als eine ergebung in das unvermeidliche; während Aias und der in den gang des stiiekes eingeweihte Zuschauer den selbstmord darunter versteht. Dabei bleibt es für die sprachliche seite des hier vom dichter angewendeten doppelsinns völlig irrelevant, ob nach Welckers auftassung Aias keine täuschung beabsichtigt oder ob nach der gewöhnlichen, von uns ebenfalls getbcilten erklärung, er wirklich aus Schonung den seinen seine wahren gedanken zu verhüllen sucht: der dichter hat im einen wie im andern falle die dehnbarkeit der sprachlichen begriffe zu seinen zwecken der täuschung verwendet. Der doppelsinn aber erscheint ferner besonders gern in den ausläufern der gewaltigen redeschlachten, welche in nachahmung der gericbtsscenen zunächst in symmetrisch entsprechender rede und gegenrede sich bewegen und in spitzigem Wortgefechte, gewöhnlich in dichomythien und stichomythien euden, die ebenso wenig die Überzeugung des gegners zum resultate haben, als die kämpfe der prozessparteien vor gericht. Man vergleiche z. lt. in Electra v. 610 ff. das spiel das mit dem begriff φροντίς, nachher mit t'çyov getrieben wird; in unserm stücke vrgl. v. 335, οογάνειας (d. b. anreizen), v. 337 οργην und v. 33Í) wieder ορ/ΐζοιτο. Der gewöhnliche fall des doppelsinns also, wenn man nicht dessen sprachliche seite betrachtet, sondern nach dem Zusammenhang mit den kunstzwecken der tragödie fragt, ist derjenige, wo der sprechende den doppelsinn oder die rätbselhafte färbung des ausdrucke seihst beabsichtigt, sei es um sich einen unschuldigen scherz zu machen, sei es um andere zu täuschen, oder weil er selbst nicht genügenden aufschluss weiss, und davon nichts merken lassen will -oder wo der angeredete die worte des erstem absichtlich missversteht und sophistisch umdeutet, wäre· es auch nur um seiner zanklust zu fröhnen. Es ist aber eine specielle eigenthüinlichkeit des Sophokles, dass er sich mit dieser auch bei andern dichtem vorkommenden an-5 * Brought to you by | Université Paris Ouest Nanterre La Défense Authenticated Download Date | 10/11/16 9:46 AM «8 Der doppelsinn in Sophokles Oedipus könig. Wendung des doppclsinns nicht begnügt hat, sondern denselben oft iu den dienst der sogenannten tragischen ironie treten lässt 1 ). Dies thut er allemal da, wo er einen dem sprechenden seihst unbewussten, ja in der regel von den mitspielenden personen selbst nicht geahnten doppelsinn in den m und legt: einen doppelsinn, der höchstens dem iu den gang des stiickes schon eingeweihten Zuschauer verständlich ist. Nirgends aber hat Sophokles wie die tragische ironie überhaupt, so ihre sprachliche anwendung, den tragischen doppelsinn. reichlicher ja man möchte fast sagen grausamer angewendet, als im Oedipus könig, und in dieser schauerlichsten aller tragödien hat er ein förmliches Zwiegespräch, von Oedipus, der lokaste und dem clior nicht geahnt, und doch durch ihren eigenen mund ausgesprochen, so dass sie oft etwas ganz anderes sagen, als sie meinen, mit dem Zuschauer im stillen geführt. Vorstehender aufsatz macht nicht den anspruch darauf, diesen gesichtspunkt als einen neuen aufzustellen ; über die tragische ironie bei Sophokles hat bekanntlich seiner zeit Thirlwall in einem durch Schneidewin in Philolog. bd. V) auch iu Deutschland verbreiteten 7ß Der doppclsimi in Sophokles Oedipus könig. wusst ausgesprochene wnlirlieit : er würde, nicht den von mir vollbrachten mord genannt haben". V. 574 : (Ï μίν Xfyii τάδ', αυτός οΐσ>9\ Der erste sinn dieser worte Kreons ist : "ob er (Teiresias) dies sagt, weisst du allein = ich bin dabei ganz unbetheiligt ; in diese frage mische ich mich nicht". Der hörer soll aber auch den zweiten sinn herausfühlen: "wenn er das sagt, so bist du selbst am besten im fall über die that auskunft zu geben; = es wird wohl wahr sein müssen'·. Diese auch von Scluieidewin seiner zeit gebilligte erklärung scheint von Nauck, aus dessen stillschweigen zu schliessen, desavouirt zu werden. Sophokles hat auch anderwärts die doppelte hedeutung von tí zur hervorbringung eines doppelsinns benutzt; so Kl. 610: ii δί βνν δ(χβ | ξΰιιΰτι, τοϋδι ψ ρ ortiδ' ουχ ί'τ ιϊβορώ. Krster sinn; "ich sebe dass Elektra wutli schnaubt; oli sie aber hand in hand geht init der δίχη (= ob sie auf dem Standpunkte des rechtes steht), darüber sehe ich keine erwiigung mehr (bei Clytämnestra)". Zweiter sinn: "wenn sie band in band geht mit der δίχη, so sehe ich nicht wie eine weitere Überlegung über die frage noch möglich ist = so ist die sache spruchreif" (eine unbewusste hindeutung auf die nähe der katastrophe). Unmittelbar darauf folgen die worte vers 574 und 575 :
doi:10.1524/phil.1872.31.14.66 fatcat:73rfsikhm5gnbcl3cjgrjeq5zu