Anhang

1909 Kant-Studien  
Das in diesem Hefte oben S. 313 ff. dargestellte Ergebnis uns ere r Walter Simon-Preisaufgabe ruft die Erinnerung wach an eine andere Walter Simon-Preisaufgabe, deren Entstehung und Ergebnis hier anhangsweise mitgeteilt sei : Die Geschichte der Autobiographie. Kant hat in seiner Anthropologie § 4 (vgL § 22, sowie »Reflexionen zu Kants Anthropologie· 1882, S. 68 ff.) über das Problem der Selbstbeobachtung und Selbstschilderung sich folgendermassen geäussert: "Das Beobachten seiner selbst ist
more » ... iner selbst ist eine . . . Zusammenstellung der an uns selbst angestellten Wahrnehmungen, welche den Stoff zum Tagebuch eines Beobachters seiner selbst abgiebt und leichtlich zur Schwärmerei . . . hinführt* Kant warnt davor, sich allzuviel mit sich selbst zu beschäftigen; er erinnert an Albrecht Haller, der bei "seinem lange geführten Diarium seines Seelenzustandes" zuletzt in innere Beängstigungen verfallen sei. Die "Forscher des Inneren" geraten leicht dahin, "manches in das Selbstbewusstsein hineinzutragen". Solche "Analysten" des eigenen Inneren erkranken leicht -wie Kant wohl auch in Erinnerung an Rousseaus Confessions meint. Diese ablehnende Haltung Kants gegen die Reflexion auf sich selbst, gegen Selbstbeobachtung und Schilderung der inneren Erfahrungen ist eine natürliche Reaktion des nüchternen Philosophen gegen den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts grassierenden Unfug der "Selbstbekenntnisse schöner" und unschöner Seelen. Speziell das von Moritz begründete "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" brachte seltsame autobiographische Beiträge als Material zur Psychologie des Menschengeschlechtes. Aber. Kants Antipathie gegen die Selbstdarstellung des inneren Lebens ging doch wiederum zu weit. Kant hatte auch nicht immer diese rigorose Stellung eingenommen: in seiner vorkritischen Periode hat er diese Litteraturgattung höher eingeschätzt, und wir haben in dem von Dr. Groethuysen im Jahre 1906 aufgefundenen Brief Kants an Lindner vom 28. Okt. 1759 (vgl. KSt. XI, 290 f.) auch einen höchst denkwürdigen autobiographischen Beitrag Kants selbst im Stile jener Zeit. Hätte uns Kant nur ein Tagebuch seines inneren Lebens, eine autobiographische Schilderung seiner geistigen Entwickelung, seiner Schicksale als Denker und als Mensch hinterlassen! Welch reichen, überreichen Schatz besässen wir darin. Aber der alternde Kant war dieser Litteraturgattung abhold. Seine Richtung auf die Erfahrung im Sinne der objektiven Allgemeingültigkeit involviert doch andererseits einen mangelnden Sinn für den Wert des Individuellen. Nicht als ob Kant die Persönlichkeit nicht hochgestellt hätte! Noch vor Kurzem hat uns Trendelenburg, durch Euckens Vermittelung, daran erinnert, was Kants Philosophie für die Entdeckung der Persönlichkeit bedeutet (KSt. XIII, l ff. 194 ff.). Aber hierbei ist doch wiederum, Persönlichkeit gemeint im Sinne einer das allgemeingültige Sittengesetz realisierenden Person, nicht im Sinne eines einmaligen, unwiderholbaren, eigenartigen, d. h. eine eigene Art für sich in Anspruch nehmenden Individuums. Die Persönlichkeit kam wohl durch Kant zur Brought to you by | University of Arizona Authenticated Download Date | 6/8/15 2:47 AM
doi:10.1515/kant.1909.14.1-3.338 fatcat:6h6hvvqwijavzic6fbgdyizhcm