Prekarisierung und die Re-Feudalisierung sozialer Ungleichheit

Christoph Einleitung
2008 unpublished
Einleitung Der Begriff des Prekären hat Konjunktur, aber das Konzept erscheint unscharf und mehrdeutig. In der soziologischen Literatur sind zumindest vier unterschiedliche Perspektiven auszumachen. Prekarität steht hier für eine fragile, instabile Position am Arbeitsmarkt, die herkömmlich an atypischen Beschäftigungsverhältnissen festgemacht wird, wie befristete oder geringfügige Beschäftigungen, freie Dienstverträge oder »abhängige Selbständigkeit« (Mühlberger 2007). Das Konzept beschreibt
more » ... nzept beschreibt weiters eine generelle Verwundbarkeit von Lebenslagen, die durch Armut, Deprivation und Abhängigkeit von sozialer Unterstützung charakterisiert ist ; Prekarität verbindet sich hier mit der Erfahrung von gesellschaftlicher Randständigkeit und Stigmatisierung (Avenel/ Thibault 2007). Aus anderer Perspektive reflektiert Prekarität die subjektive Dimension gefühlter Unsicherheit, wie sie in Ängsten vor sozialer Deklassierung und Wohlstandsverlusten zum Ausdruck kommt, die nicht zwingend mit messbarer Instabilität am Arbeitsmarkt oder mit Armutsgefährdung korrespondieren, sondern davon abgelöst noch in stabilen Mittelschichtmilieus Widerhall finden (vgl. Bude/ Lantermann 2006). An diese Beobachtung knüpft eine vierte Perspektive an, die Prekarität als generalisierte Erfahrung der späten Moderne deutet. Während die Risiken der »ersten« (industriellen) Moderne sukzessive im modernen Wohlfahrtsstaat institutionell eingeklammert wurden, führt die »Modernisierung der Moderne« (Wohlrab-Sahr 992) zu einer Rückkehr von sozialer Unsicherheit, und zwar auf struktureller wie auf individueller Ebene. Im vermehrten Gebrauch des Prekaritätsbegriffs spiegelt sich ein sozialer Wandel (in Richtung Individualisierung, Flexibilisierung etc.), aber auch ein Diskurswandel : Das Dispositiv von kollektiver Wohlfahrt und Risikoabsicherung wird durch das Leitbild individualisierter Selbstoptimierung ersetzt (Bröckling 2007). Es ist gerade diese Mehrdimensionalität und Unschärfe des Prekaritätsbegriffs, welche seine Verwendung erleichtert - und »banalisiert« (Bresson 2007). In einem Fall steht Prekarität für »neue Armut«, dann wieder für die Rückkehr der »gefährlichen Klassen«, immer häufiger als Synonym für die »soziale Frage«, oder als Ausdruck für die Pathologien der (späten) Moderne schlechthin. Die vier genannten Dimensionen - instabile Beschäftigungsverhältnisse, Instabilität der Lebenslagen, soziale Abstiegsängste, Rückkehr der sozialen Unsicherheit - überlappen sich und beleuchten im Einzelnen doch differente Aspekte. Macht es überhaupt Sinn, sie alle unter dem Begriff des Prekären zu subsumieren ? Das Auftauchen von Begriffen wie »prekärer Wohlstand«, »neue Unterschicht« oder »abgehängtes Prekariat« im Gesellschaftsfeuilleton lässt Skepsis aufkommen. Auch die empirischen Befunde sind uneindeutig, wie an zwei Beispielen gezeigt werden soll : So beruht die vielfach zitierte 4 Ch. Reinprecht : Prekarisierung und die Re-Feudalisierung sozialer Ungleichheit www.kurswechsel.at Kurswechsel / 2008 : 3-23
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