Es gibt keine einsprachigen Texte! Ein Vorschlag für die Literaturwissenschaft

Till Dembeck
2020 Journal for Intercultural German Studies  
Die Erforschung literarischer Sprachvielfalt besteht meist darin, dass man das Vorkommen unterschiedlicher Sprachen in Texten interpretiert -im Hinblick auf ihre kulturellen, sozialen, politischen Implikationen und auf die Erfahrungen, die sie transportieren oder zumindest konnotieren. Sprachvielfalt zeigt in der Regel kulturelle Vielfalt an, wobei, wie man sagt, jede Sprache eine eigene Welt eröffnet; zugleich kann sie immer auch Exklusion bewirken, da die Sprachfähigkeiten eines jeden
more » ... sind. Daher ist das Studium literarischer Sprachvielfalt letztlich immer mit Fragen der Interkulturalität verbunden. Ich möchte die Art und Weise, wie sich literarische Texte auf diese Fragen beziehen, als ihre kulturpolitische Dimension bezeichnen: Literarische Sprachvielfalt lehrt uns, dass Texten im Bereich der Kultur politische Handlungsfähigkeit zugeschrieben werden kann. Mein Beitrag konzentriert sich vor diesem Hintergrund auf die Grundoperation des Lesens literarischer Sprachvielfalt, d.h. auf die Art und Weise, wie wir in Texten mehr als eine Sprache erkennen. Diese Operation mag trivial und daher eher uninteressant erscheinen. Eine genauere Untersuchung dessen, was sprachliche Vielfalt in (literarischen) Texten sein kann, zeigt jedoch, dass sie in verschiedenen Formen auftritt -und dass es wichtig ist, Mittel und Wege zu finden, diese Formen genau zu beschreiben. Es ist keinesfalls ausgemacht, was es heißt, wenn in einem Text unterschiedliche Sprachen ›vorkommen‹; die Selbstevidenz des eingangs skizzierten Standardverfahrens zur Analyse und Interpretation ist dementsprechend zu hinterfragen. Aus diesem Grund schlage ich vor, eine Art Werkzeugkasten für die Analyse und die anschließende kulturpolitische Interpretation literarischer Sprachvielfalt zu entwickeln, der im Prinzip auf jeden Text Anwendung finden kann. Es geht dann nicht mehr darum, mehrsprachige Literatur als einen Gegenstand unter vielen (oder gar als ein fest umrissenes Korpus) zu untersuchen. Sondern die Analyse und Interpretation literarischer Sprachvielfalt muss umgekehrt als Frage der Methode aufgefasst werden. Der Vorschlag ist also, Literaturwissen-1 | Gekürzte und überarbeitete Übersetzung von Till Dembeck (2017): There Is No Such Thing as a Monolingual Text! New Tools for Literary Scholarship. In: www.polyphonie.at 1; online unter: http://www.polyphonie.at/?op=publicationplatform⊂=view contribution&contribution=105 [Stand: 1.4.2020]. Mein Dank gilt den Herausgebern des Polyphonie-Portals für die Erlaubnis zur erneuten Publikation. 1. mehrsprAchiGkeitsphiLoLoGie / mehrsprAchiGkeitsLinGuistik Manchmal liegt Sprachvielfalt in literarischen Texten nicht offen zutage. Tatsächlich ist dies recht häufig der Fall. Es gibt eine reiche Tradition an Methoden, andere Sprachen zu simulieren, etwa bei der Wiedergabe von Figurenrede: Die Protagonisten in einem ansonsten englischsprachigen Roman können zum Beispiel regelmäßig französische Begrüßungsformeln verwenden, die keiner Übersetzung bedürfen, uns aber signalisieren, dass hier Französisch und nicht Englisch gesprochen wird. Manchmal suggeriert auch die Nachahmung eines Akzents, dass jemand sonst eine Fremdsprache spricht, die zumindest qua phonetischer Interferenz gegenwärtig ist. Manchmal deutet die Verwendung eines Dialekts neben der Standardsprache darauf hin, dass eigentlich ganz verschiedene Sprachen verwendet werden: In den Wildwestromanen Karl Mays sprechen die deutschen Protagonisten manchmal untereinander im sächsischen Dialekt, während sie ihre amerikanischen Gefährten in Standarddeutsch ansprechen, wodurch klar wird, dass Standarddeutsch in diesem Zusammenhang Englisch darstellt. Manchmal können Sprachdifferenzen sogar durch unterschiedliche Metren angezeigt werden, wie es in Shakespeares Komödien der Fall ist, wo der Blankvers im Gegensatz zur Prosa auf einen Oberschichtensoziolekt hinweist, oder in Grillparzers Goldenem Vlies (1820), wo der Blankvers von den Griechen gesprochen wird, während es den ›barbarischen‹ Kolchern nicht gelingt, ihre Sprache zu dieser regulären Form zu zähmen (vgl. Weissmann 2017). In all diesen Fällen werden Phänomene, wie sie auch die Mehrsprachigkeitslinguistik beschreibt, etwa Interferenz oder Codeswitching, durch poetische Tricks nachgeahmt. Schon mit Blick auf dieses (eher triviale) Phänomen liegt auf der Hand, dass es nicht ausreicht, literarische Sprachvielfalt als das manifeste Auftreten von mindestens zwei Sprachen zu denken -wobei mit ›Sprachen‹ hier im Alltagsverständnis des Worts Idiome gemeint sind, deren Sprecher sich nicht ohne Weiteres miteinander verständigen können. Dies gilt, obgleich dieser Fall, eben weil Fragen des Verstehens berührt sind, in seinen kulturpolitischen Implikationen sicherlich besonders interessant ist. Eine umfassendere Bestimmung ist von Rainier Grutman vorgeschlagen worden, der »hétérolinguisme« definiert als »la présence dans un texte d'idiomes étrangers, sous quelque forme que ce soit, aussi bien que de varietés (sociales, régionales ou chronologiques) de la langue principale« (Grutman 1997: 37). 2 Den Fall von Grillparzers Goldenem Vlies schließt je-2 | »[D]as Vorhandensein fremder Idiome, in welcher Form auch immer, sowie von (sozial, regional oder chronologisch definierten) Varietäten der Hauptsprache in einem Text« (Übers. T.D.).
doi:10.14361/zig-2020-110111 fatcat:vvgw42bxlfb7xojmnmvni5mkla