Ueber Flecktyphus

1895 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die ini Winter 1893/94 durch Ost-und Westpreussen zerstreute Flecktyphusseuche gab auch mir Gelegenheit zur Beobachtung einer beträchtlichen Reihe von Flecktyphuserkrankungen. Leider war ich während der ganzen Dauer der Epidemie so stark in Anspruch genommen, dass es mir an Zeit und Kraft zu bacteriologischen Untersuchungen meiner Fälle gebrach; auch habe ich nicht ein einzigesmal Gelegenheit zur Oefinung einer Flecktyphusleiche gehabt, weil wir im Diakonissenkrankenhause bei 39 an Fleektyphus
more » ... 39 an Fleektyphus Behandelten nur fünf Todesfälle zu verzeichnen hatten und unser Haus mit Rücksicht auf äussere Verhältnisse den Obductionszwang nicht eingeführt hat. Mit Bezug auf die allgemeine epidemiologische und nament--lich die rein klinische Seite der Flecktyphusfrage aber glaube ich, ein Scherflein zur Kenntniss dieser interessanten und vielleicht manchem sonst wohl erfahrenen Arzte unbekannten Volksseu che beitragen zu können. Wie aus dem für Flecktyphus nicht unbeträchtlichen Procentsatz von Todesfällen hervorgeht -von 58 aus dem Kreise bekannt gewordenen und von mir festgestellten Erkrankungen endeten 10 tödtlich -, war der Genius epidemicus kein milder zu nennen. Dabei muss ich aber hervorheben, dass besondere sociale Missstände, wie solche als die Ursache von Flecktyphusepidemieen häufig geschildert worden sind, bei uns entschieden nicht vorlagen. Der Stand der Volksernährung durfte vielmehr nach den keineswegs ungenügenden Ernten der Vorjahre und den nicht ungewöhnlich hoben Preisen der Volksnahrungsmittel, sowie den unverändert für, die niederen Classen hier zu Lande günstigen Bedingungen des Arbeitsmarktes ein guter genannt werden. Dass die Lebens-und namentlich die Wohnungsverhältnisse der Arbeiterbevölkerung in Westpreussen vielfach den modernen hygienischen Forderungen nicht annähernd genügen und dass der Reinlichkeitssinn derselben noch auf einer sehr niedrigen Entwickelungsstufe steht, wird kein Kenner unserer Verhältnisse ernstlich bestreiten wollen; nach dieser Richtung gesehen, bieten somit unsere Landstriche unausgesetzt eine grössere Neigung für die Entwickelung von Volksseuchen im allgemeinen und des Flecktyphus im besonderen dar. Endlich will ich nicht unerwähnt lassen, dass, wie von anderen bereits bemerkt worden ist, der Charakter der Malariagegend, welcher bei uns vielfach zutrifft, vielleicht eine gewisse Veranlagung zur Entwicklung der Flecktyphusseuche in sich birgt. Die Seuche entstand scheinbar autochthon, und zwar wurden, soweit mir bekannt ist, die beiden ersten Fälle derselben gleichzeitig von mir selbst anfangs November 1893 im hiesigen Gerichtsgefängnisse an erkrankt eingelieferten Landstreichern festgestellt. Unmittelbar darauf wurden auch aus anderen westpreussischen Kreisen Flecktyphen gemeldet, welche zunächst fast ausnahmslos sich auf eine bekannte und vielbesuchte }ierberge in Marienburg zurückführen liessen, in welcher die Erkrankten genächtigt hatten. Selbstverständlich wurde diese Herberge sofort gründlich desinficirt; von einer Schliessung derselben rieth ich ab, mit dem Hinweise darauf, dass die Gefahr einer Weiterverbreitung der Seuche durch die Verringerung der Zahl der an sich ungenügenden Herbergen sich nur vergrössern würde, weil alsdann die etwa nicht Unterkunft findenden Vagabunden, welche bei uns eine wahre Landplage darstellen, in den Höfen und Häusern der Stadt Unterschlupf nehmen würden. Die weitere Verbreitung der Seuche und Vertheilung derselben über die preussischen Ostprovinzen entzieht sich meiner Beurtheilung ; ich kann mich daher im Folgenden nur auf den Gang der Seuche innerhalb des Kreises Marienburg beziehen, welcher, wie sich später ergab, verhältnissmässig am schwersten von derselben heimgesucht wurde. Hierseibst nun verschwand die Seuche nach einem kurzen Auftreten im November 1893 während der kälteren Wintermonate anscheinend spurlos, um im Februar und März 1894 ihr Haupt um so drohender wieder zu erheben. Withrend der Zeit von Ende Februar bis in dcii Juni 1894 batte ich Gelegenheit zur klinischen Beobachtung von 39 Fällen von Flecktyphus, von welchen 27 Männer, 11 Weiber und 1 ein Kind unter 15 Jahren betrafen. Was die Art der Verbreitung der Seuche anlangt, so wurden anfangs ausschliesslich Landstreicher und andere obdachiose Leute von derselben befallen; vielfach, obschon nicht immer, liessen sich die Berührungen nachweisen, welche diese Leute untereinander in einzelnen Herbergen oder an anderen Orten gehabt hatten. Später erkrankten auch Mitglieder der sesshaften Bevölkerung, und es verbr sich mehr und mehr der Faden, welcher die einzelnen Erkrankungsfälle mit einander verband. Neben dem Flecktyphus aber ging im Kreise eine schwere und stellenweise sehr verbreitete Epidemie von Darmtyphus einher. Und zwar traten beide Seuchen derart nebeneinander auf, dass dieselben, regionar getrennt, an zwei Heerden innerhalb des Kreises überwiegend Darmtyphen, an einem dritten fast ausschliesslich Flecktyphen hervorbrachten. Es bestätigte sich wieder in vollem Umfange die ganz ausserordentlich hohe Ansteckungsgefährlichkeit des Flecktyphus unter anderem auch dadurch in sehr unangenehm fühlbarer Weise, dass uns während des Verlaufes der Epidemie zwei geübte, an den Umgang mit ansteckenden Kranken gewöhnte Krankenschwestern bei Ausübung ihres Pflegeberufes von der Seuche ergriffen wurden. Ausserdem fanden zwei weitere Ansteckungen von Insassen des Krankenhauses statt, welche nur ganz vorübergehend neben Flecktyphuskranken gelegen hatten, ehe die ärztliche Feststellung der Erkrankungen als Flecktyphen erfolgt war. Was die Wege der Ausbreitung der Seuche angeht, so wage ich nicht, mich hierüber bestimmt auszusprechen. Die Annahme einer Verbreitung des Ansteckungsstoffes durch die Luft halte ich für überflüssig, da der Wege genügende übrig bleiben, uni die von uns nachgewiesenen, bezw. angenommenen Uebertragungen der Krankheit auf einfachere und den modernen Anschauungen über das Wesen der Infectionskrankheiten entsprechendere Weise zu erklären. Die Ansteckung von Bett zu Bett z. B. kann mindestens ebenso gut durch die pflegende Krankenschwester erfolgen, welche den Ansteckungsstoff an ihren Händen oder Kleidern von einem Kranken auf den andern überträgt; diese Art der Vermittelung erscheint mir natürlicher, als die Annahme einer Inficirung der Athmungsluft, wie sie früher thatsächlich vielfach ausgesprochen worden ist. Eine nachweisliche Ueberpflanzung der Krankheit durch inficirte Effecten habe ich nicht beobachten können, indessen bin auch ich selbstverständlich der Ansicht, dass die Gefahr einer solchen eine grosse ist und dass daher beim Umgange mit den Effecten Flecktyphuskranker stets die grösste Vorsicht geboten er-554 DEUTSCHE MEDICINTSCHE WOCHENSCHRIFT. No. 34 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1199925 fatcat:jw6cy7ilznfnlhdqkonfl2avta