Klänge der Grammatik

Wolfgang Rug
2015 Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht  
Es ist ja inzwischen Konsens, • dass Phonetikunterricht mehr sein muss als eine an den DaF-Unterricht angeklebte Marginalie; • dass den Fertigkeiten Hören und Sprechen Priorität gebührt vor Lesen und Schreiben; • dass die Kompetenzen mündlicher Kommunikation in Ausbildung, Beruf und Öffentlichkeit einen hohen gesellschaftlichen Nutzwert haben. Aber der Mainstream der DaF-Unterrichtspraxis -weithin eher ein Trott in traditionellen Bahnen -ist noch nicht grundlegend hin zum Besseren bewegt
more » ... Es geht also darum, die morphologiereiche und grammatisch komplexe Sprache Deutsch auf ihre klanglichen Dimensionen hin abzuklopfen und das erstaunlich vielfältige Material sinnvoll grammatikdidaktischen Bereichen zuzuordnen: (a) Grundmorphologie, (b) Verbgrammatik, (c) Nominalgrammatik, (d) Wortbildung, (e) Satzgrammatik, (f) Textgrammatik. Davon geht vieles sofort ins Ohr, sieht schon nach einer sicheren Grundlage für einen klanglich begründeten Grammatikunterricht aus; aber es bleiben Lücken und Gestrüppe, die sich einer klanglichen Durchdringung zu verschließen scheinen: Herausforderungen für DaF-Forschung und kreative Didaktiker. Aber schon jetzt kann ein breites Arsenal lebendiger, motivierender, ins Ohr gehender, effektiver Spielideen, Unterrichtsformen und Gestaltungselemente ausgebreitet werden. Wolfgang Rug, Klänge der Grammatik. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 12:2, 2007, 62 S. 3. Materialsammlung 1. M Morphologische Klangmuster des Deutschen (und klangliche Problemzonen) M1 Grundmuster 1: Betonter Stamm, kurze, unbetonte, "minimalisierte" Endung dammda Das Klangschema kann man mit Hilfe des "phonetischen Schweinchens" verkörpern: Abb. 1: Phonetisches Schweinchen Dieses Grundmuster zeigt sich bei vielen grammatischen Funktionen: -bei der nominalen Wortbildung: Messer, Löffel Messa, Löffl 6 -bei der nominalen Pluralbildung: Frau -Frauen Kind -Kinder Kuss -Küsse Frauen Kinda Küsse -bei der Verbmorphologie: schaffen, haben musste schaffn, haaabm musste -bei den Adjektiven: schöne, dicker schöne, dicka -bei den Pronomen und Artikelwörtern: meine, dieser, dessen meine, diesa, dessn mit einem signifikanten Quantitätsverhältnis 1 (Stamm, der Schweinchenkörper) zu 0,05 (die Endung, das Schweineschwänzchen) 6 Wolfgang Rug, Klänge der Grammatik. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 12:2, 2007, 62 S. Didaktische Vorschläge und Tricks (auch für M2 -M5): Da M1 das wichtigste klangliche Grundmuster des Deutschen ist und im Endungsbereich der komplexen Morphologie ihren kleinen, aber kniffeligen rhythmischen Platz zuweist, ist regelmäßiges und häufiges, tägliches Üben angesagt: Phonetisches Übertreiben, z.B. Wortakzente im Chor singen und schreien; bei M1 nicht von "Zweisilbigkeit" sprechen, sondern von "Einsilbigkeit mit Schwänzchen"; Arbeiten mit Körpereinsatz -allein, in der Gruppe, im Chor; Klatschen, energisches Kopfnicken und Rhythmusschlagen mit der Hand, Rappen; Unterstützung durch Klopf-und Schlaginstrumente 7 ; Perkussionsspiele, Schlagzeug-Imitationen mit der Stimme. Sinnvoll ist es, die stimmliche Perkussionstechnik, an der die vordere Zunge, der vorderer Gaumen, die Lippen und eine dynamische Luftstrom-Führung beteiligt sind, mit den Lernenden gemeinsam einzuüben; denn die Lernenden können auf diese Weise die rhythmischen Muster quasi als innere Kopftöne aufnehmen und verinnerlichen 8 . Wolfgang Rug, Klänge der Grammatik. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 12:2, 2007, 62 S. Didaktische Vorschläge und Tricks (s.o. bei M1): Man soll bei M2 ebenfalls nicht von "Zweisilbigkeit" sprechen, sondern von "Einsilbigkeit mit Kurz-oder Kürzest-Auftakt".
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