Zusammenfassung und Ausblick [chapter]

2020 Land, Dorf, Kehilla  
Vor dem Hintergrund der Emanzipationsdebatte hatte man die Juden zunächst in Bausch und Bogen als provinziell denunziert, nun gerierten sich die Mitte des 19. Jahrhunderts in den kleinen ländlichen Gemeinden verbliebenen regelrecht als Hinterwäldler. Mit der zunehmenden Etablierung städtischer Gemeinden und der Verbreitung bürgerlicher Umgangsformen änderten sich die Kriterien, anhand derer sich eine innerjüdische Hierarchie festlegen ließ: Hatte sich der »Killemann« vom »Landsmann« (s.
more » ... dsmann« (s. Tendlau) sowohl durch religiöse Bildung und Observanz als auch durch einen gewissen Lebensstandard abgehoben, traten in der Unterscheidung zwischen Stadt-und Land-bzw. Dorfjuden zusehends die Konventionen einer mondän-bürgerlichen Schicht in den Vordergrund. Der »Land-« bzw. »Dorfjude« trat in Abhängigkeit vom neuen Typ des »Stadtjuden« desto schärfer konturiert hervor, je mehr das ländliche Milieu zur Peripherie in geistiger und sozialer (demographischer) Hinsicht wurde. Damit sind wir wieder bei der Leitthese angelangt, die ich vor der Abzweigung in die voraufklärerische Moderne als zentral, aber präzisierungs-und revisionsbedürftig formuliert habe: Land-/Dorfjuden werden literarisch erst dann relevant, wenn sich das Gegenbild des sich akkulturierenden Stadtjuden deutlich abzuzeichnen beginnt. Das geschieht, historisch betrachtet, nicht zeitgleich mit Einsetzen der Abwanderung aus den kleinen Orten, sondern zu einem Zeitpunkt, wo die demographischen Verschiebungen einen großen Teil der jüdischen Bevölkerung erfasst haben; nicht zeitgleich mit der Einrichtung konfessionellen Religionsunterrichts an allgemeinen Schulen und dem Erwachen eines obrigkeitlich geförderten Interesses für bürgerliche Werte und Vorstellungen, sondern als diese bereits Selbstverständlichkeiten waren.
doi:10.1515/9783110674255-006 fatcat:njtoas5ogzdm3pyrpduq6iorym