"Der Walzer erwacht die Neger entfliehen" Erich Wolfgang Korngolds Operetten(bearbeitungen) von Eine Nacht in Venedig 1923 bis zur Stummen Serenade 1954

Kevin Clarke
2009 FZMw Jg   unpublished
Korngold und die Operette das ist ein faszinierendes Thema, weil es den Komponisten im Spannungsfeld von ideologischen Widersprüchen der 1920er Jahre zeigt, anhand derer sich viel von dem beleuchten lässt, was ohnehin spannend ist an der Beschäftigung mit Operette in der Zeit zwischen den Weltkriegen. 1 Die Meinungen zu Korngolds Leistung auf dem Gebiet der Operette gehen dabei weit auseinander, je nachdem, von welcher ideologischen Seite aus man die Sache betrachtet. Während die einen Korngold
more » ... die einen Korngold (damals) zum Retter der 'klassischen Operette' à la Johann Strauß (v)erklärten, 2 galt er anderen als (typisch 'jüdischer') Schmarotzer und Profiteur. Beides sind Urteile, die bis in die Gegenwart wiederholt werden, meist in völlig anderem Kontext. 3 Um sie zu begreifen, muss man wissen, welche Ansprüche und Erwartungen an die Kunstform sich dahinter verbergen, damals wie heute. Und warum Korngold, der ja außer Die Stumme Serenade keine eigene Operette geschrieben hat, derart zwischen die Fronten geraten konnte und immer noch gerät. Als Kompass für die Beschäftigung mit Korngolds Operettenschaffen soll hier das Werkverzeichnis aus Kurt Gänzls Encyclopedia of the Musical Theatre dienen, nach 1 Der vorliegende Text stellt die erweiterte Fassung eines Beitrags dar, der in folgendem Sammelband erschienen ist: Erich Wolfgang Korngold Wunderkind der Moderne oder letzter Romantiker? Bericht über das internationale Symposion Bern 2007, hrsg. von Arne Stollberg, München 2008, S. 235 260. 2 "Die Übergangsepoche bringt Exhumierungen und Renovierungen. Die Pariser Bouffes aus der Offenbachzeit werden zum Prokrustes heutiger szenischer Gestaltung und die Meisterwerke der Johann Strauss-Epoche erobern textlich und musikalisch revidiert neuerdings die Bühne. Ihre lie-bevollen musikalischen Retouchen [sic] haben kulturhistorische Werte aktualisiert." Renato Mordo [Generaldirektion des Hessischen Landestheaters Darmstadt], Brief an Erich Wolfgang Korngold vom 17. Januar 1930, Kopie im Korngold-Archiv, Hamburg. Für die Bereitstellung der Materialien aus seinem Archiv sei Herrn Bernd O. Rachold sehr herzlich gedankt. 3 Kurt Gänzl schreibt dazu: "Korngold? [...] A leech. An undertalented leech, who messed up some splendid operetten [sic] in his search for a royalty. The Korngold revisions [...] and especially 'Nacht in Venedig' represent all that is distasteful to me in Central European musical theatre. Mr. Korngold was one of the worst things ever to happen to the Operette." Kurt Gänzl, E-Mail an den Autor, 15. Dezember 2006. Derweil meint der Präsident der österreichischen Johann-Strauß-Gesellschaft, Peter Widholz, leicht überheblich und ungeachtet der historischen Sachlage: "Korngold konnte niemals eine 'Strauß-Renaissance' einleiten, da die Musik von Johann Strauß seit ihrer Entstehungszeit ohne Unterbrechung bis zum heutigen Tag mit großem Erfolg gespielt wurde und wird!" Peter Widholz, E-Mail an den Autor, 5. Dezember 2007.
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