Ueber die bewegliche künstliche Hand1)

1918 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
also ganz frisch, im Reservelazarett Quierschied aufgenommen; ich hatte damals schon über Bewegungsstümpf e am Unterarm Leichenversuche gemacht und hatte mir für einen etwa geeigneten Fall einen Operationsplan ausgearbeitet. Ich habe diesen Stumpf des T.. dann nach der heilung durch Pflege der Muskulatur vorbereitet und am 28. Oktober operiert. Unter Verkürzung der Knochen um etwa 2 cm wurde aus den Sehnen der Beuger und Strecker des Unterarms an ihrem Uebergang in die Muskeln je ein Beuge. und
more » ... n je ein Beuge. und Streckwuist gebildet. Anfang November war die Beweglichkeit des Stumpfes schon ausgezeichnet. Anfang Oktober 1915 war Sauerbruchs vorläufige Mitteilung erschienen. Ich kannte) sie noch nicht, als ich nach nochmaliger Kürzung der Knochen auch die zweite Operation, die Durchlochung, am 15. Januar 1916 vornahm, und zwar in etwas anderer Weise, als Sauerbruch es gewöhnlich macht.3) Ich habe den Fall im Februar in der Militärärztlichen Gesellschaft in Saarbrücken mit einer Behelfsprothese, einer Zange, vorgestellt, mit welcher er imstande war, Papierstücke und auch etwas schwerere Gégenständô, Schlüssel, Messer usw. zu fassen, zu halten und f ortzunehmen. Die Muskeiwülste trugen jeder etwa 3 kg ünd zogen diese in einer Länge von etwa 4 cm. Ueber 3 kg.war damals nur unter Beschwerden hinauszukommen, weil die Kanäle schmerzten und auch 1) Nach einem VorLrag auf der z'Weite Sitzung der Prüfstelle f hr Ersatzgli der Abt. Düsseldorf, am 1. X. 1917. 2) Bekannt War mir dieDarstI'urgW. Mühler.s überdieMethodeVanghettis, in der 1. Aufl. der Chirurgisähen Operationsiehre von B je r, B rau n und K ii mm e I, die damals schon in der Hand alter Chirurgen war. -8) Vgl. unten. sonst noch sehr empfindlich waren; später ist es besser geworden. Als ich nach mehrfachen Versuchen bei Fachlirmen jede Hoffnung aufgeben mußte, in Saarbrücken eine brauchbare Prothese für den Mann zu beschaffen, wandte ich mich an Sauerbruch und brachte den Mann am 20. Oktober 1916 nach Singen. In der Zwischenzeit war etwas Merkwürdiges eingetreten. Während eines Urlaubs von drei Wochen im September hatte nämlich T., welcher frilher TIschler war, auf der Grube Camphausen in den Werkstätten gearbeitet, wie das vièle geeignete Verwundete des Reservelazaretts Quierschied machen müssen, und hatte sich in dieser Zeit selbst eine Prothese gebaut. Sie reichte vom Oberarm über das Ellbogengelenk und trug eine künstliche Hand aus Holz. Diese hatte zwei Bewegungen: 1. das Schließen und Oefmnen der Hand und 2. das Beugen und Strecken des Handgelenks durch die Drehung des Unterarms. Wirklich ein Kunstwerk dafür, daß es ein einfacher Mann ohne orthopädische Vorbildung mit Hilfe seiner einen Hand und der Mitarbeit von eben. falls in der Sache ganz ungeschulten Handwerkern der Grubé fertig gebracht hatte ! Die künstliche Hand konnte er für viele Dinge wirklich brauchen. Karten spielen, Zigarren halten, leichte Gegenstände tragen und verlegen. Aber es fehlte ihm eine Bewegung, welche neben der Greifbewegung die wichtigste ist, nämlich die Dreh u ng der Hand. Die Beugung und Streckung des Handgelenkes ist demgegenüber fast gleichgültig. Ich bat daher S a uer br u cli , ihm eine bessere Prothese herstellen zu lassen. Im Februar war sie fertig'), und ich habe T. dann bei einem Vortrag, den Sauerbruch in München hielt, gesehen. Es war auch nach Sauerbruchs eigenem Urteil in mancher Richtung damals wirklich der schönste und günstigste Fall von allen. Die Kraf twülste hatten sich noch erheblich gebessert, hatten eine Hubhöhe von 5 cm, und die Bewegungen, welche T. mit der künstlichen Hand (Greifbewegung, Drehung und unbehinderte Bengebewegung des Ellbogengelenks) ausführen konnte, waren ganz ausgezeichnet. Ich habe den Fall dann für einen halben Tag auf der Durclireise mit der neuen Prothese wiedergesehen und genauer untersuchen können. Was mir nicht gefiel, waren die von mir gebildeten Kanäle. Denn der eine derselben neigte jetzt, nach mehr als einem Jahre, immer noch dazu, wund zu werden und ñiußte außerordentlich sorgfältig gepflegt werden. Aber, dachte ich, das wird sich schon machen und wird in andereh Fällen vor allem besser sein, wenn man sich Sauerbruchs reiche Erfahrung in diesem Punkte zunutze macht.2) Nun habe ich das mit einigen Abänderungen getan, und ich will Ihnen ganz kurz andeuten, welche Punkte für die Kanalbildting für mich wesentlich waren. Wird ein Hautbezirk belastet, so soll sich an ihm möglichst keine Nahtlinie befinden. Ich habe daher den Hautlappen für den Kanal zunächst so gebildet, daß die unverletzte Fläche des Kanals nach distal, die Naht des Rohrs nach dem Herzen zugekehrt war. Aber der Haut dieser Kanäle fehlten . die Hautnerven, und die Erfahrung ist ja alt, daß da, wo die Sensibilität der Haut gestört ist, sie gegen alle mechanischen Insulte außerordentlich leicht verletzbar wird. Ich habe daher in andern Fällen versucht-, den Hautlappen so zu bilden, daß die zugehörigen Hautnerven und Hautg.efäße, nicht allein die Anastomosen, erhalten wurden. Das hat aber wieder die Schwierigeit, daß die Nalitlinie an die Stelle der stärksten Belastung kommt. Dies habe ich durch die Form der durchzuziehenden Lappen umgangen. Ich habe sie nämlich rautenförmig oder als Parallelogramm gestaltet. Dadurch bekommen sie in sich eine Drehung, und die Naht-linie rückt in einer Spiraiwindung von der durch den Stift oder Haken am stärksten belasteten Stelle ab. Die letzten Kanäle, welche ich so hergestellt habe, sind besser geworden als die ersten, obgleich ich das Prinzip der Erhaltung der Hautnerven schon bei T. im Auge gehabt hatte.3) Aber das Wesentlichere ist, daß die äußere Haut für die Kanäle überhaupt wenig geeignet ist. Die äußere Haut braucht die Oberfläche. Da, wo sie dauernd anderer Haut ohne Licht und Luft anliegt oder durch einen Stift von ihnen abgeschlossen wird, verliert sie ihre natürliche Beschaffenheit und bedarf zum mindesten außerordentlich sorgfältiger Pflege, wenn man sie brauchbar erhalten will. Wichtig vor allem war es mir, zu erfahren, was denn nun der eigentliche Schlußerlolg meinerund der Bemühungen Sauerbruchs war. Denn T. ist ein selten intelligenter Mensch, wie schon aus der Selbstanfertgung der Prothese hervorgeht, und er war ein für die Sache begeisterter und sehr gutwilliger Verwundeter. Wie hoch schätzt er selbst den Nutzen des ganzen Verfahrens für sich ein? Denn es ist ja nicht der Demonstrationswert,-welcher von Bedeutung ist, sondern das Ziel eines Ersatzgliedes muß sein, dem Manne möglichst viel von Sie w rde von Sauer b r u e lis ausg'; eichnetem Orthopädiemechaniker Biedermann hergestellt. Herr Prof. S a u e r b r n o h hat vielen and'rn Chirurgen und auch mir in Singen Gelegenhit gegeben, sein Verfahren bei der Operation, auch durch Assistenz, genau kenìnen zu lerncn. ) Hier lag aber die Nahtlinie ungünstig. In den Kanal wurden 2 Lappen, eifler von innen, einer von außn, eingezogen. 25 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. 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doi:10.1055/s-0028-1134258 fatcat:n3fvipshpjbyjayiejx6bpzquu