Wie die Made im Speck …

Fabio Sorrentino, Chirurgische Abteilung, Asana Spital, Menziken Fallbeschreibung
2010 Forum Med Suisse   unpublished
Ein 56-jähriger Mann wurde durch den Hausarzt we-gen einer seit zwei Wochen progredienten Schwellung am linken Nasenflügel zugewiesen. Klinisch war eine Furunkuloseder Haut vorhanden, wobei die Entität un-klar war. Der weitere Hautstatus und die hautnahen Lymphknoten zeigten sich unauffällig. Anamnestisch liessen sich keine Fieberschübe erheben. Blutbild und CRP waren im Normbereich. Anamnestisch war er vor zwölf Wochen aus Costa Rica zurückgekehrt. Ein Insek-ten-oder anderweitiger Stich wurde
more » ... icht bemerkt. Er hatte jedoch manchmal das Gefühl, es «kribbele» unter der Haut. Unter antibiotischer Abschirmung (Co-Amoxicillin) ent-schloss ich mich zu einem chirurgischen Prozedere. Der ca. 3 cm grosse Tumor befand sich in der Nähe der Vena angularis, und aufgrund der unsicheren Tiefe ent-schieden wiruns, die Operation in Allgemeinanästhesie durchzuführen. Es wurde eine spindelförmige Inzision der Haut durch-geführt (Abb. 1 x), wobei eine Insektenlarve freiprä-pariert und entfernt wurde (Abb. 2 x). Mit einem plötzlichen Aufschrei machte mich die Operationsassis-tentin darauf aufmerksam, dass das «Tierchen» noch lebe. Die Wunde war ohne Zeichen einer Eiteran-sammlung und wurde primär unter Einlage einer Easy-Flow-Drainage verschlossen, Co-Amoxicillin wurde wei-ter gegeben. Nach Kontaktaufnahme mit dem Zentrum für Reiseme-dizin der Universität Zürich wurde die Diagnose einer kutanen Myiasis, hervorgerufen durch Dermatobia hominis, gestellt. Der weitere klinische Verlauf gestaltete sich komplika-tionslos. Die Wunde heilte primär ab, die Fäden konn-ten nach einer Woche postoperativ entfernt werden. Diskussion Die kutane Myiasis ist eine durch Fliegenlarven verur-sachte parasitäre Erkrankung. In Mittel-und Südamerika sind das die Larven der Dasselfliege (Dermatobia homi-nis),inWest-und Zentralafrika der Tumbufliege (Cordy-lobiaa nthropophaga). Diese kommen in warmen und feuchten Regionen (Küsten, Regenwälder, Flüsse) vor. Die Fliegen streifen im Flug ihre Eier auf dem Körper von Stechmücken oder Zecken ab. Während des Stech-vorgangs an einem Wirt (Säugetiere) kommt es entlang des Stichkanals oder eines Haarfollikels zum aktiven Eindringen der geschlüpften Larven in die Haut des be-fallenen Tieres oder Menschen [1]. Beim Menschen ist dies meist nur eine Larve, bei Wild-oder Haustieren können manchmal bis zu 40 Larven in die Haut ein-dringen. Die Larve fühlt sich im neuen Wirt wie die Made im Speck und macht in den nächsten 8bis 10 Wo-chen verschiedene Entwicklungsstadien durch. Im letz-ten Stadium können die Larven eine Grösse von bis zu 3 cm erreichen (Abb. 2). Die Larven haben ein dickeres vorderes Ende mit dem Mundwerkzeug, mit dem sie die Haut durchbohren, und ein dünneres hinteres Ende mit der Atemöffnung, über die die Sauerstoffversor-gung durch einen Hautporus erfolgt. Ausserdem haben sie zirkulär angeordnete Stacheln. In diesem Stadium befand sich auch dieLarve unseres Patienten. Am Ende der Entwicklung verlassen die Larven den Wirt, fallen zu Boden und verpuppen sich. Nach weiteren 20 bis 60 Tagen schlüpft die adulte Dasselfliege. Somit ist die kutane Myiasis eine selbstlimitierende Er-krankung, die jedoch sehr schmerzhaft verlaufen kann. Manchmal verspüren die befallenen Menschen, wie auch unser Patient, Bewegungen unter der Haut [2]. In der Literatur finden sich verschiedene Fallbeschrei-bungen von Myiasis, wobei Extremitäten, Kopfhaut, Hals,Rücken, Skrotum, Brust, Zunge und Auge befallen wurden. Eine Manifestation am Nasenflügel bzw. in der Nasolabialfalte haben wir darunter nicht gefunden. Bei Verdacht auf eine kutane Myiasis können der Porus in Lokalanästhesie erweitert und die Larve in toto extrahiert werden [3, 5]. Eine lokale oder systemische Abbildung 1 Operationssitus nach Exzision der Larve.
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