Die neuen Empfehlungen des American College of Chest Physicians (ACCP) über antithrombotische Behandlung Kommentare von Schweizer Experten*

Walter Wuillemin, David Spirk, Iris Baumgartner, Thomas Lüscher
unpublished
Internationale Behandlungsrichtlinien-braucht es zu-sätzlich Schweizer Richtlinien? Was hier vorgelegt wird, ist ganz klar nicht ein weiterer Richtlinienkatalog, son-dern es sind Kommentare, mit denen versucht werden soll, die international gültigen ACCP-Richtlinien [1] auf die Schweiz zu übertragen, die in der Schweiz übliche antithrombotische Behandlung zu reflektieren und die für die Schweiz adaptierten ACCP-Richtlinien in Kürze zusammenzufassen. Die Schweizer Kommentare zu den
more » ... en haben bereits Tradition. Erstmals sind sie 2005 [2, 3] und dann 2009 [4, 5] unter der Leitung von Prof. H. Bounameaux aus Genf erschienen. Die neuen, 9. ACCP-Guidelines erleichtern das Erkennen von Neuerungen gegenüber der früheren Ausgabe da-durch, dass Empfehlungen, bei denen sich etwas geän-dert hat, mit grauem Hintergrund abgedruckt werden, Empfehlungen ohne Änderung mit normalem weissem Blatthintergrund. Als Papierversion würden die ACCP-Richtlinien (verfügbar unter www.chestjournal.org) über 800 Seiten umfassen. Diese Fülle an Informationen kann ein nicht spezialisierter Arzt kaum systematisch durch-arbeiten und daraus ableiten, was dies für die Arbeit am Krankenbett bedeutet. Die Experten haben daher ver-sucht, ein aus ihrer Sicht relevantes Extrakt vorzulegen, das in den folgenden Ausgaben des Schweizerischen Medizin-Forums in deutscher und französischer Spra-che publiziert wird. Wie entstehen die ACCP-Guidelines? Ein internationales Expertengremium sichtet die bis zu einem gewissen Zeitpunkt publizierte Literatur unter streng vorgegebenen wissenschaftlichen Kriterien, extra-hiert die Schlussfolgerungen und fasst sie unter Angabe der Datenqualität in Form von Richtlinien zusammen. Es handelt sich also um eine umfassende Arbeit, welche Respekt und Anerkennung verdient. Für den Fall, dass die Daten keine eindeutigen Schlüsse erlauben, wird ein Konsensus gesucht. Dabei ist es fast unvermeidlich, dass sich die Meinung von bestimmten Opinion Leaders in gewissen Situationen der Konsensusfindung präferen-ziell durchsetzt. Der gesamte Prozess der Datenanalyse braucht zudem Zeit. Dies führt dazu, dass neuere Ent-wicklungen je nach Publikationszeitpunkt keinen Ein-gang in die Richtlinien finden. Ein Beispiel sind die neuen oralen Antikoagulantien, die in den Richtlinien zu wenig berücksichtig sind, da Publikationen zu den meisten rele-vanten Phase-III-Studien (mit Erweiterung der Zulas-sungsindikation) erst nach Abschluss der Reviewarbeit erschienen sind. Für die 9. ACCP-Guidelines wurden erstmals in verschie-dener Hinsicht neue Wege beschritten. Zunächst wurde, um Interessenkonflikte möglichst aus den Schlussfolge-rungen herauszuhalten, festgelegt, dass die Autoren der entsprechenden Kapitel frei von relevanten Interessen-konflikten sein mussten. Neu wurde bei jedem Kapitel ein erfahrener Kliniker involviert, der nicht a priori ein Spezialist im Bereich der antithrombotischen Therapie sein musste, sondern dafür verantwortlich war, dass die Richtlinien und Empfehlungen diejenigen Probleme adäquat aufgreifen, die in der realen Welt und im Pra-xisalltag vorkommen. Dies in Analogie zur Vorgabe des SMF, dass bei den Weiterbildungsartikeln erfahrene Kol-leginnen und Kollegen aus der Praxis beigezogen wer-den, um die Praxistauglichkeit und Nützlichkeit der ent-sprechenden Artikel zu fördern. Des Weiteren wurde bestimmt, dass der verantwortliche Kapitelleiter jemand aus dem Gebiet der klinischen Epidemiologie/Methodik sein muss, um zu garantieren, dass die Evidenz korrekt aus den vorhandenen Daten abgeleitet wurde. Das Resultat dieser Bemühungen geht mit einer enor-men Dominanz der McMaster-Universität von Hamilton, Ontario, einher. Nur gerade im Kapitel über Kinder ist kein Autor dieser Institution vertreten, und in 75% der Kapitel stellt sie den Erst-oder Letztautor; dies ist be-merkenswert und spiegelt die eindrückliche wissen-schaftliche Produktivität dieser Institution wider.
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