Studien zur Topographie von Paestum

1909 Classical Philology  
Zu der vorliegenden Untersuchung bin ich diirch eine Anregung Koldeweys (Neandria a. a. 0.) gekommen, der es fulr wulnschenswert hielt, einmal die doppelzelligen Tempel einer genaueren Bearbeitung zu unterziehen. Ich kegann meine Untersuchungen mit dem alteren Tempel in Lokroi Ep., dann folgte die sog. Basilica in Paestum, u. a. m. Diese Untersuchung gedenke ich spater zu verOffentlichen. Zunaichst interessierten mich mehr die Tempel von Paestum, die ich ausserdem im Frtihjahr vorigen Jahres
more » ... en konnte, und daraus entstand begreiflicher Weise der Wunsch, zu versuchen, ihrer Namenlosigkeit ein Ende zu machen. In welchem Umfange und mit welchem Grade von Wahrscheinlichkeit,-denn beweisen lasst sich leider nichts Wesentliches-mir das gelungen ist, mag jeder beurteilen. Die Aussichtslosigkeit eines derartigen Versuches hat vielleicht viele verhindert, sich mit dieser Frage eingehend zu beschaftigen, schon aus dem Grunde, weil samtliche antiken Zeugnisse ufber die Stadt futr die Benennung der Tempel nicht das geringste ergeben; das darf indessen nicht abschrecken, und der Versuch das Ratsel zu losen muss auch ohne ihre Hilfe unternommen werden. Was bisher an brauchbaren Arbeiten tiber Paestum vorhanden war, ist ausserordentlich wenig. Die Zeugnisse sind zum ersten Male fast vollstandig gesammelt in der inhaltlich utberholten Abhandlung von Joll. Crosse: Commentatio brevis, qua in Paesti origines . . . . inquiritur, Halle Magdeburg, 1768, der die Anregung dazu auf einer Italienreise empfing. Ueber die Tempel selbst: Puchstein u. Koldewey, Antike Tempel in Unteritalien und Sicilien, dessen Hauptzweck eine genaue Aufnahme der Grundrisse war. Eine genaue Aufnahme der Tempel selbst bleibt vorlaufig wohl ein frommer Wunsch. Bevor wir indessen an unsere eigentliche Aufgabe gehen, wird es zweckmassig sein, dass wir das aus der Geschichte der Stadt [CLASSICAL PHILOLOGY IV, January, 1909] 57 This content downloaded from 128.135.012.127 on November 22, 2016 02:16:02 AM All use subject to University of Chicago Press Terms and Conditions (http://www.journals.uchicago.edu/t-and 58 TH. KLUGE Bekannte noch einmal vorbringen, weil einiges Neue nachzutragen ist.' Zur Ueberlieferung des Namens ist folgendes zu bemerken. Wir haben drei Namen: den griechischen llouEL&ivta, den lateinischen Paestum und Paistum (-om); dazu kommt als dritter, aber zweifelhafter, FttG. Paistum (-om) kommt nur auf Mtinzen vor, und reprasentiert die altlateinische Form. Mazocchi2 und nach ihm Pasquale Magnoni3 haben aus dieser Form auf einen phoenikischen Ursprung der Stadt schliessen wollen, in dem sie Paistum vom hebr. =TM (sic) herleiten. Es wird immer ein bedenklicher Versuch bleiben italische Stadtenamen aus semitischen Wurzeln zu erklaren, und die mangelhafte Begruindung (oder vielmehr die fehlende), die die beiden ihrer Etymologie haben zuteil werden lassen, hat es wohl bewirkt, dass sie keinen Nachfolger bisher gefunden haben. Trotzdem ist der Versuch nicht von der Hand zu weisen, schon aus dem Grunde, weil wir heuite weiter sind, und mehr Vergleichsmaterial zur Verftigung haben. Dass P. ursprtinglich phoenikische Faktorei gewesen sein kann, liegt zwar nicht ausserhalb des Bereiches der Mo5glichkeit, denn wir kennen ja auch in Etrurien derartige Niederlassungen (Mommsen Rom. Gesch., Bd. 1. a. a. 0.), und im allgemeinen kann man behaupten, dass im westlichen Mittelmeerbecken dem griechischen Colonisator der semitische voraufgegangen ist. Die Funde mykenischer Tonware an der Ostkiiste Italiens und vormykenischer in Sicilien kommen demgegentiber nicht in Betracht. Im bibl. hebr. bedeutet nun r:S3 (st.c. "rjS3 Flachs, bez. Lein, Baumwolle) I der auf dem Acker wachsende Lein (Ges. a. a. 0. 1905) pl. ::UT3S3 pun.4 ooto-= fist rj:M und dass diese Her-' Mommsen CIL. X, pp. 52 f., wo auch die antiken Zeugnisse. Ueber die weitere Literatur; cf. Mau Kat. d. k. d. a. Inst. in Rom, Pt. I, p. 179, wo die Uebersicht der Literatur tiber P. Auf eine Reihe von Einzelheiten hat mich Herr Professor Huelsen (Rom) aufmerksam gemacht. . Die Identifikation ist s. Z. von Bochart aus den Wiener Dioskurides-Handschriften vollzogen. Ich konnte das nicht weiter verfolgen; die Ausgabe von 1683 war mir nicht zugtnglich. Stattdessen fand ich: Ausg. 1692, Bd. 1., p. 88 iO =Sela, emissio aquarum. An einen Gleichklang ist hier wohl kaum mehr zu denken. This content downloaded from 128.135.012.127 on November 22, 2016 02:16:02 AM All use subject to University of Chicago Press Terms and Conditions (http://www.journals.uchicago.edu/t-and STUDIEN ZUR TOPOGRAPHIE VON PAESTUM 59 leitung grosse Wahrscheinlichkeit hat, beweisen die Muinzen, wie wir nachher sehen werden, wenn man nicht den vorlaufig unbeweisbaren Einwand geltend macht, dass hier der Gleichklang eines Wortes zweier versehiedener Sprachstamme vorliegt. Der Name der Stadt stammt also von der Beschaftigung seiner Bewohner, denn wenn tiberhaupt dort Lein gebaut wurde, so bildete er einen Exportartikel. Der Name der Stadt ist damit von den Phonikiern gegeben, und bedeutet soviel wie Leinstadt, oder Flachsgegend. Es steht aber dies Ergebnis nicht im Widerspruch mit dem, was wir sonst aus den altesten Zeiten Italiens wissen, dessen Bewohner Weinbauer, Arbeiter, und Schnitter waren, und dass der heutige Zustand der Gegend nicht auf die Zeiten, von denen eben die Rede gewesen ist, uibertragen werden darf, bedarf weiter keines Beweises. Aber, da dieser Fall ftir das Festland Italien vorlaufig ganz vereinzelt dastehlt, so k6nnen wir vor der Hand keine weiteren Schlhisse daraus ziehen, um so mehr als wir nachher noch eine andere Deutung bieten werden. Ueber die Herkunft des griechischen Namens sind wir glucklicherweise genau orientiert, denn wir erfahren aus Strabo' dass Posidonia den Namen von seinem Eponymos2 hat. Der Name der Stadt wird von antiken Historikern, Geographen,' u. s. w., ziemlich haufig erwahnt; das ist aber auch alles. Aber wir ersehen daraus doch das eine, und die Denkmaler bestatigen uns das, dass, je alter die Zeugnisse sind, von um so grosserer Wichtigkeit die Stadt gewesen ist. An der Mutndung der Sele lag wahrscheinlich der Flusshafen Alburnum' (cf. Nissen It. Lk. 2, p. 892). Stidlich von jener erwahnt Strabo (c. 252) einen Tempel des 'Hpa 'Aprywa.5 Dass er von Jason gegrtindet worden sei, ist fur unsere Untersuchung 1
doi:10.1086/359243 fatcat:gajugcegjrghxpqxpuzcdebstq