VI. Politische Säuberung [chapter]

Nach Nürnberg und Tokio  
Neben den Prozessen gegen die Hauptschuldigen bildeten die breiter angelegte Entnazifizierung bzw. Entmilitarisierung der (west-)deutschen und der japanischen Bevölkerung ein Kernstück der amerikanischen Besatzungspolitik. Dabei stand in beiden Fällen die Überzeugung Pate, daß nur eine tiefgreifende Transformation der gesellschaftlichen Strukturen einschließlich einer Ausschaltung der sie bislang tragenden Schichten eine zukünftige Bedrohung des Weltfriedens durch die Aggressorstaaten des
more » ... orstaaten des Zweiten Weltkrieges verhindern, die besiegten Länder langfristig pazifizieren, innerlich stabilisieren und ihnen einen demokratischen Weg nach amerikanischem Verständnis ermöglichen könnte. Dem deutschen wie dem japanischen Volk begegnete die führende westliche Siegermacht also mit einem durch den Kriegsausgang noch gestärkten Vertrauen in die Überlegenheit des eigenen politischen Systems, das an Woodrow Wilsons Credo "make the world safe for democracy" anknüpfte1. Während man allerdings dem kulturell eng verwandten Deutschland, gestützt auf die Weimarer Erfahrungen und kontrolliert durch die Macht einer direkten Militärverwaltung, den Aufbau einer dezentralen Demokratie zutraute, war in bezug auf Japan die Einschätzung verbreitet, "es zu vermasseln", wenn man versuchen würde, die deutschlandpolitischen Besatzungsrezepte eins zu eins auf den Inselstaat zu übertragen: "Die Japaner sind ein orientalisches Volk mit orientalischer Gesinnung und Religion."2 Aus dem Urteil über Konsenszwang und feudale Gefolgschaftstreue als tragende Elemente der nationalen politischen Kultur resultierten Vorstellungen von der Entwicklung einer "Demokratie auf japanisch", die wesentlich unspezifischer blieben als für Deutschland und die vor allem auch Folgen für den politischen Säuberungsprozeß zeitigen sollten3. In dieser Hinsicht schien die Aufgabe der USA in Japan insofern leichter, weil sie dort nicht mit drei weiteren Besatzungsmächten zu kooperieren hatten und zudem eine funktionierende Bürokratie zur Identifizierung und Auffindung der zu Säubernden heranziehen konnten. Zudem mußte die vor allem als "Entmilitarisierung" verstandene Aktion vermutlich ein geringeres Ausmaß annehmen; hatten doch die grausamen Bilder bei der Befreiung der 1 Gasteyger, Das außenpolitische Erbe, S. 169. 2 So der US-Verteidigungsminister Henry L. Stimson, zit. bei Buckley, Japan Today, S. 8. 3 Rosenzweig, Erziehung, S. 108.
doi:10.1524/9783486702866.55 fatcat:nb36jy5dlbaldj5v4z4vylsite