Klaus Doering (Bamberg)

Kaiser Julians Plädoyer Für Den Kynismus
unpublished
Im Abstand von nur drei Monaten verfaßte Kaiser Julian im Jahre 362 zwei Reden, in denen er mit den zeitgenössischen Kynikern ins Gericht ging. Beide Reden verdankten ihre Entstehung zunächst einmal äußeren Anlässen: Die frühere der beiden, die Rede Gegen den Kyniker Herakleios (or. 7), einem Vortrag des in ihr attackierten Kynikers, in dem dieser in Gegenwart des Kaisers im Kontext eines Mythos bzw. einer Allegorie in höchst respektloser Weise über die Götter gesprochen und sich über den
more » ... sich über den Kaiser selbst lustig gemacht hatte; die spätere, die Rede Gegen die ungebildeten Hunde (or. 6), den abfälligen Bemerkungen, die ein namentlich nicht genannter, aus Ägypten stammender Kyniker über den Gründervater des Kynismus, Diogenes aus Sinope, gemacht hatte. Beide Reden begnügen sich jedoch nicht damit, den attackierten Kynikern die Verkehrtheit ihrer Äußerungen vor Augen zu führen und sie selbst zurechtzuweisen, sondern verfolgen ein erheblich weiter gestecktes Ziel: Julian will zeigen, daß wahrer Kynismus etwas ganz anderes ist als das, was die beiden Kyniker und mit ihnen die Mehrzahl derer, die sich als Kyniker bezeichnen, als Kynismus ausgeben. Konkreter gesprochen: Er will zeigen, daß die "ungebildeten Hunde", d. h. die ordinären Kyniker, die für die verbreitete Vorstellung vom Kynismus verantwortlich sind, Prinzipien und Lebensstil des Diogenes und der anderen alten Kyniker völlig aus dem Blick verloren, ja geradezu ins Gegenteil verkehrt haben und einen Kynismus praktizieren, der mit dem ursprünglichen allein noch den äußeren Habitus (lange Haare, Tribon, Bettelsack, Stock) gemeinsam hat: Die rationale Nüchternheit (ajtufiva) des Diogenes ist bei ihnen zu Dünkelhaftigkeit (tu'fo") und eitler Ruhmsucht (kenodoxiva) verkommen, seine Selbstgenügsamkeit (aujtavrkeia) zu Bettelei und Schmarotzertum, ja, schlimmer noch, Genußsucht, seine Selbstdisziplin (ejgkravteia) zur demonstrativen Pose und Wichtigtuerei, seine auf geistiger Souveränität beruhende Freiheit (ejleuqeriva) allen Menschen und ihren Gewohnheiten und Normen gegenüber zu Dreistigkeit, Unverschämtheit, Pöbelei und Unflätigkeit, seine heilige Scheu vor dem Göttlichen (eujlavbeia) zu Respektlosigkeit, Freigeisterei und Gott-losigkeit (ajqeovth"). Daß wahrer Kynismus etwas ganz anderes ist als das, was die "ungebildeten Hunde" dafür ausgeben, und daß Diogenes ganz anders war, als die, die ihm zu folgen vorgeben, behaupten, beweist Julian vor allem auf folgende Weise: Er greift aus dem Legendenkranz, der sich um die Person des Diogenes rankte, einzelne Episoden und Motive heraus und interpretiert sie so, wie sie seiner Meinung nach interpretiert werden müssen. Wie er dabei verfährt, will ich im folgenden an drei Beispielen zeigen. Eine der Geschichten, die man vom Tod des Diogenes zu berichten wußte, besagte, er sei an den Folgen des Genusses eines rohen Polypen gestorben (SSR V B 90,2-3.93-95). Wie wir von Julian erfahren, hatte sich der anonyme Kyniker, gegen den sich die Rede Gegen die ungebildeten Hunde richtet, über diese Geschichte lustig gemacht und sie mit der Bemerkung kommentiert, Diogenes habe mit dieser Aktion nur die Aufmerksamkeit der Menge auf sich lenken wollen und der Tod sei die verdiente Strafe für diese Torheit (a[noia) und eitle Ruhmsucht (kenodoxiva) gewesen (or. 6,181a). Julian wischt diesen Kommentar zunächst einmal mit leichter Hand als gleichermaßen eingebildet wie dumm zur Seite. Später kommt er auf die Sache als solche jedoch ausführlich zu sprechen. Immerhin konnte man die Frage, was Diogenes mit dem Essen des Polypen bezweckt habe, ja durchaus stellen. Plutarch hatte die Antwort gegeben, er habe den Polypen roh verspeist, weil er demonstrieren wollte, daß man kein Feuer brauche (SSR V B 1 Vortrag an der Kauchtschischwili-Konferenz.
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