Zur Frage des postoperativen Blutbildes und zur Diagnose der traumatischen Milzruptur

H. Brunzel
1916 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte ein lebhafter Streit über die Zulässigkeit der Milzexstirpation beim Menschen, der gegenüber auch Di effe n bach sich ablehnend verhalten hatte. Der Streit wurde bald nach der positiven Seite hin entschieden. Und jetzt ziiliit die Kasuistik dieser Operation nach vielen Hunderten. Die gesunde MIIz bei gesunden Leuten ist jedenfalls ein Organ, das ohne auffallenden Schaden, wenn die Indikation dafür gegeben ist, entfernt werden kann. Sie ist
more » ... en kann. Sie ist fast stets bei den traumatischen, subkutanen Milzrupturen erfüllt, die durch Quetschung, Stoß und heftigen Fall gegen die linke Seite entstehen können. Die dabei auftretende Blutung im Bauchinnern ist meist so erheblich, daß der Tod in den nicht operierten Fällen fast regelmäßig eintritt. So stellte Berger 1902 220 nichtoperierte Fälle zusammen, die eine Mortalität von über 92 % ergaben. Dagegen ergibt die operative Behandlung dieser Fälle, die natürlich meist in der Exstirpation der zertrümmerten Milz zu bestehen hat, so erheblich bessere Resultate, daß die Operation bei der traumatischen Milzruptur jetzt zweifellos als das Verfahren der Wahl zu betrachten ist. Während Rieg n er zuerst 1892 aus dieser Indikation erfolgreich die Milz exstirpierte, konnten Lotsch (1908) und Planson (1909) bereits über annähernd eineinhalb Hundert derartiger Fälle berichten mit nur wenig fiber 37 % Mortalität. Bei dieser Sachlage könnte es wenig gewinnbringend erscheinen, zur Kasuistik der operativ geheilten, subkutanen traumatischen Muzrupturen durch Mitteilung eines Falles, den ich Anfang Dezember 1915 operieren konnte, beizutragen, wenn nicht nach zwei Richtungen hin der Fall ein besonderes Interesse böte. Ich übergehe den Mechanismus der Verletzung, die durch einfaches Ausrutschen bei Glatteis entstanden ist, möchte aber doch darauf hinweisen, daß in diesem Falle eine flächenhafte Verwachsimg der zwei oberen Drittel der Muz mit der Innenseite des linken Rippenbogens, und zwar so, daß das untere Drittel der leicht vergrößerten Milz diesen überragte, für das. Zustandekommen der Milzruptur, die gerade an dieser Stelle erfolgte, wohl nicht gleichgültig gewesen ist. Der Rand des Rippenbogens, der durch den Fall plötzlich nach innen gedrückt wurde, mußte naturgemäß auf den überragenden Teil am stärksten einwirken und konnte so, trotzdem ein ziemlich mäßiges Trauma vorlag, die Ruptur herbeiführen, die sich schräg nach innen oben bis zum Stiel fortsetzte. Weit wichtiger, wenn auch mehr vom theoretischen Gesichtspunkt aus, Ist der Fall dadurch, daß das Blutbild kontinuierlich seit der Operation bis vor kurzem untersucht wurde, zumal die Angaben über das postoperative Blutbilcl nach dem Verlust der normalen Milz bei gesunden Leuten noch ziemlich weit auseinandergehen. So fand Bayer') bei einem l6jährigen Mann noch drei Monate post operationem eine erhebliche Verminderung der polynukleären Neutrophilen und relative Lymphozytose, während Schuizes Fall durch eine fieberhafte Störung des Heilverlaufes trotz außerordentlich exakter Blutuntersuchungen jedenfalls anfänglich kein reines Bild der Folgen des Milzverlustes gibt. Dagegen konnte Lotsch in einem seiner Fälle schon 14 Tage post operationem fünf Millionen rote Blutkörperchen zählen und nach 18 Tagen einen normalen Blutbefund erheben. Rieg ner fand eine mäßige Vermehrung der weißen Blutkörperchen bei beträchtlicher Lymphozytose bis 36 % und Eosinophilie bis 9%. Nötzel fand in zwei seiner Fälle noch lange Zeit nach der Operation Lymphozytose, dagegen in seinem dritten Fall anderthalb Jahre post operationem ein annähernd normales Blutbild. Während Blau eis Blutbefunde schon nach einigen Monaten normal waren, fand Kiittner 1/4 Jahre nach der Operation eine starke Hypergiobulie mit einem Hämoglobingehalt von 130 % bei erheblicher Vermehrung der großen mononukleären Formelemente. Es herrscht also keineswegs Uebereinstimmung in den Befunden, und so gewinnt die Mitteilung des Blutbildes in, unserem Falle ein um so größeres Interesse, als einmal der Blutverlust außerordentlich stark, bis an die Grenze der Lebensmöglichkeit, gewesen und dann der post. operative Verlauf völlig glatt war.
doi:10.1055/s-0028-1135291 fatcat:4kkyweu7nrbv3aeikmvkzs2q3y