4. Aufklärerische Publizistik und politischer Skandal: Wilhelm Ludwig Wekhrlin [chapter]

Stefan Rebenich
2013 C.H. BECK 1763 - 2013  
I mmanuel Kant betonte 1798, dass ein Verleger dann erfolgreich sei, wenn er Bücher veröffentliche, die «durch ihre Neuigkeit oder auch Skurrilität des Witzes» auffielen, «damit das lesende Publicum etwas zum Angaffen und zum Belachen bekomme». 1 Carl Gottlob Beck teilte diese Einschätzung. Dabei war der Witz, das ingenium, eine bestimmte Weise der Erkenntnis oder, um nochmals Kant zu zitieren, «das Vermögen, zum Besonderen das Allgemeine auszudenken». 2 Der Witz war aber auch eine Kunstform,
more » ... geschliffener Gestalt geistreich Inhalte des aufklärerischen Denkens zu vermitteln. Zu Vernunft und bürgerlichen Tugenden wollte auch die Satire erziehen, deren Verbreitung ebenso wie der Witz der Rede-und Pressefreiheit bedurfte. Die Popularisierung des pointierten Witzes und der entlarvenden Satire war folglich nicht nur ein mediales Ereignis, sondern auch ein politisches Anliegen im Zeitalter der Aufklärung. Doch wie beißend durfte der Witz unter absolutistischer Herrschaft sein, wie weit die Satire in der aufgeklärten Öffentlichkeit gehen? Die Werke des süddeutschen Schriftstellers und Publizisten Wilhelm Ludwig Wekhrlin helfen bei der Beantwortung dieser Fragen weiter. Wekhrlin stammte, wie so viele Intellektuelle seiner Zeit, aus einem Pfarrhaus. 3 Als sein Vater 1745 starb, war er gerade einmal sechs Jahre alt. Seine württembergische Heimat verließ er Mitte der 1760er Jahre, um in Wien, der Metropole Josephs II., Karriere zu machen. Zehn Jahre arbeitete er dort; erst verdiente er seinen Lebensunterhalt als Schreiber der französischen Botschaft, dann als Journalist. In der Redaktion des «Wiener Diarium» verbreitete er zweimal in der Woche Neuigkeiten, die dem habsburgischen Hof genehm waren. Doch gleichzeitig brachte er handschriftliche Zeitungen heraus, sogenannte nouvelles à la main, die allerlei pikante Nachrichten und Sensationen enthielten, aber auch kritische Einblicke in die Wiener Gesellschaft erlaubten. Vor der josephinischen Liberalisierung der 1780er Jahre hatten die illegal in Umlauf gesetzten Zeitungen zwar viele Leser, aber keine Fürsprecher unter den Zensoren. Sie
doi:10.17104/9783406654015-59 fatcat:xntk4nd4dbbdpctsobvcaisyl4