Sprechen für das Zugedeckte

Tom Holert, Kritische Berichte-Zeitschrift Für Kunst- Und Kulturwissenschaften
2014
Als die Einladung, auf die Frage des Politischen inner halb und außer halb des Fachs Kunstgeschichte zu r eagier en, bei mir eintr af, er inner te ich mich an das Vor wor t zu einem Suhr kamp-Taschenbuch. Dieses Buch war zu der Zeit, als ich mein Stu dium der Kunstgeschichte in Hamburg Anfang der 1980er Jahre aufnahm, bereits vergriffen und hatte eine gewisse KlassikerReputation entwickelt, samt dazu gehöriger P atina. In besagtem Vorwort, unterzeichnet mit «Die Autoren Frank furt/M. Marburg,
more » ... furt/M. Marburg, im Mai 1972», findet sich der Hinweis, die «vorliegenden Beiträ ge» wären nicht möglich gewesen, «ohne das, was an den Universitäten der Bun desrepublik Deutschland, letztlich aber jenseits von ihnen, in Bewegung geraten» sei. 1 Autonomie der Kunst war die Gemeinschaftsproduktion einer legendären Mar burger Wohngemeinschaft, so wurde es jedenfalls kolportiert. Die sechs Autoren, unter ihnen nur eine Frau, waren im Erscheinungsjahr 1972 alle unter dreißig. In dem bei der Edition Suhrkamp verlegten Band widmeten sie sich in ebenso vielen Aufsätzen der Genese und Kritik einer bürgerlichen Kategorie, wie es im Untertitel hieß. Dass zwischen einer «Bewegung» innerhalb und außerhalb der Institutionen einerseits und der Arbeit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ande rerseits ein Zusammenhang konstatiert werden kann, mutete mir schon vor über zwanzig Jahren seltsam und fremd an: wie eine Botschaft aus vielleicht besse ren, aber definitiv vergangenen Zeiten. Heute erscheint diese Vorstellung gänz lich abwegig (über etwaige Gründe später mehr); im Jahr 1972 jedoch war der Nachhall von '68 ganz offenkundig noch gut hörbar; er konnte sogar als Rahmen bedingung wissenschaftlichen Arbeitens dienen. Studentenrevolte, Hochschulre form und kritische Revision des Fachs, all dies ließ sich kausal verketten diesen Anschein macht die P ublikation. Vier Kunsthistoriker mit Soziologie und Sozialpsychologie im Nebenfach sowie zwei Sozialwissenschaftler/innen beschäftigten sich in Autonomie der Kunst mit dem dialektischen Umstand, dass «der Warencharakter der Kunst ihr autonomes Wesen nicht auflöst, sondern gerade zur Voraussetzung hat», so dass «autonome Aura und Marktwert der Kunst [...] einander noch heute» bedingen. 2 In einer kri tischen Auseinandersetzung mit Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie kommt der damals am Institut für Sozialforschung arbeitende Jürgen Fredel zu dem Schluss, die Kritische Theorie ginge weiterhin und fälschlicherweise davon aus, dass das «<ästhetische> Subjekt» mit der «vorgeblich äußeren Natur» konfrontiert sei. Dabei liege das «spezifisch P olitische» der Kunst in ihrer Beschäftigung mit der «bestimmten gesellschaftlichen Art und Weise, in der diese Natur technolo gisch angeeignet» werde. Gegenstand der Kunst (der «ästhetischen P roduktion») seien mithin die «P roduktionsverhältnisse» und deren Veränderung; sie selbst, 1*5
doi:10.11588/kb.2006.3.15516 fatcat:e6xgv7a5fraonfcjkq6ghecn2u