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Schweiz – Die Geburt der Zeitgeschichte aus dem Geist der Krise

Christof Dipper
2011
I. Die Zeitgeschichte zählt zu den Stiefkindern der historischen Methode. Zwar wird viel über sie geschrieben, aber die Fülle der einschlägigen Titel steht in deutlichem Widerspruch zum theoretischen oder methodischen Ertrag des Mitgeteilten. Vielfach ist zu lesen, mit Zeitgeschichte befassten sich die Historiker ernsthaft erst seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Anderswo wird darauf verwiesen, dass eigentlich Thukydides der erste Zeithistoriker gewesen sei. Schließlich stößt man auf den
more » ... ößt man auf den Hinweis, dass das Wort "Zeitgeschichte" erstmals 1691 belegt sei. Dass es sich in allen drei Fällen um dasselbe handelt, wird man schwerlich annehmen wollen. Doch bleibt es nicht bei dieser Ungereimtheit. Neuerdings zählen die Zeithistoriker für manche zu einem so festen Bestandteil bundesrepublikanischer Geschichtskultur, dass sie -und das gilt als verhängnisvoll -eher zu viel als zu wenig Einfluss besitzen. Es ist aber noch nicht lange her, da die Zeitgeschichte zur eher peinlichen Verwandtschaft der historischen Fächer gerechnet und entsprechend wenig Forschung auf diesem Gebiet betrieben wurde. Viele Historiker begegnen ihr noch immer mit dem Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit. Sie sei zu sehr 'von der Parteien Hass und Neid verzerrt', weil der nötige Abstand fehle und weil auch die Archive in der Regel noch kaum zugänglich seien. Archive als Horte der Wahrheit, Historiker als Bergleute, die tief im Innern solcher Wahrheitsgruben nach dem Gold der Erkenntnis forschen -so hat man sich das Wissenschaftsbild jener vorzustellen, die der Zeitgeschichte grundsätzliche Skepsis entgegenbringen.
doi:10.14765/zzf.dok.2.305.v1 fatcat:eb2shv3p45fxxjye57aooktgee