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Autonome Artefakte – ein Testfall für die Autonomie des Menschen?

Eduard Kaeser
2004 Soziale Welt  
Von den Maschinen fortlaufen und auf den Acker zurückkehren, ist unmöglich. Sie geben uns nicht frei und wir geben sie nicht frei. Mit rätselhafter Gewalt sind sie in uns, wir in ihnen. Helmut Plessner Die Inversion von Mensch und Mittel Vieles verrichtet heute die Maschine selber, was früher der Mensch tat. Wir delegieren körperliche und geistige Arbeiten an sie und zumindest in einem lockeren Sprachgebrauch ist schon seit längerem die Rede von Automaten, die »entscheiden«, »planen«,
more » ... »planen«, »wahrnehmen«, »auswählen«, »voraussehen«. Umgangsformen greifen Platz, in denen Maschinen die Rolle von Partnern, Akteuren, Quasi-Personen, Usurpatoren, womöglich Feinden übernehmen. Das zwingt uns zur Verabschiedung unserer souveränen Position als Herren und Meister über das Reich der Artefakte. Die Maschine beginnt sich sozusagen in unseren technisierten Lebensformen einzubürgern. Wir brauchen sie nicht bloß, wir leben mit ihr zusammen, wie mit Mitmensch und Tier. Das Gerät wird sozialisierbar. 1 Seit einiger Zeit schon macht es auch den Anschein, als würde es autonom. Der Umschlagspunkt einer technologischen Entwicklung zeichnet sich ab, wo nicht mehr die Frage gestellt wird, was für Gerät der Mensch zur Erleichterung und Bewältigung des Lebens braucht, sondern, ob nun all das Gerät, das er geschaffen hat, ihn selbst eigentlich noch braucht. Eine Zukunftsperspektive eröffnet sich, in der Maschinen nicht nur immer kleiner und effizienter, sondern auch zur Replikation fähig sein und möglicherweise den Menschen in einem neuen postbiologischen Evolutionsschub verdrängen werden. Die transhumane Spezies des Robot sapiens nimmt zumindest in den Visionen einschlägiger Technologenkreise Gestalt an und sie befeuert ebenso Hoffnungen auf ein selbstgebasteltes Paradies wie sie uns jenes Schicksal in Aussicht zu stellen scheint, das der Oekonomie-Nobelpreisträger Leontief einmal den Pferden voraussagte: »Wenn man Pferde durch Traktoren ersetzt, wird man sie deswegen nicht besser behandeln. Man wird sie liquidieren.« Wie immer man es halten mag mit den technoevangelischen oder -apokalyptischen Zukunftsfantasien, zu konstatieren ist eine schleichende Aufweichung der Grenze zwischen Künstlichem und Natürlichem, Artefakt und Mensch. Und im Hinterhalt lauert die Frage: Wenn es uns gelingt, das, was uns Menschen ausmacht, in künstlichen Systemen zu reproduzieren, was ist dann eigentlich so einzigartig und großartig am Menschen? Ich halte diese Frage für die eigentliche tiefe -und damit meine ich: anthropologische -Herausforderung des autonomen Artefakts. Man muß sich ihre Dimension deutlich vor Augen führen: Sie dreht den Spieß um, indem sie dem Menschen die Beweislast seiner Exzellenz gegenüber dem Gerät aufbürdet. Einer der hellsichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts, Günther Anders, brachte das Szenario dieser Inversion in seinem Buch Die Antiquiertheit des Menschen in den 1950er Jahren auf. Er sprach von der »prometheischen Scham«, daß der Mensch sich in seltsamer Selbstverleugnung immer mehr als Gerät unter Geräten, ja, als 1) Weshalb ja auch bereits eine »Soziologie der Geräte« gefordert worden ist (Woolgar 1985) .
doi:10.5771/0038-6073-2004-4-369 fatcat:fmmvxx37rzetbm4f6y6ikw56ou