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Ernst Witt als Mathematiker und Mensch

Werner Krabs
1995 Mitteilungen der DMV  
W. Krabs ren zum Teil unvollständig. Viele vermittelten aber auch den Eindruck, den man öfter bei seinen kurzen Beweisen hat: zunächst scheinbar völlig unverständlich, werden sie nach sorgfältigem Studium plötzlich ganz klar und wunderbar einleuchtend. Einige Aufzeichnungen enthielten eine genaue Datumsangabe, bei anderen ließ sich die Zeit, aus der sie stammten, an der Papiersorte oder an der Schreibmaschinenschrift erkennen. Bei manchen Ergebnissen mußte herausgefunden werden, ob sie wirklich
more » ... en, ob sie wirklich von ihm waren oder zum Zeitpunkt des Entstehens wirklich neu waren. Im Laufe der Zeit habe ich sehr viele Kollegen und Kolleginnen aus ganz verschiedenen Gebieten der Mathematik um Rat gefragt. Dabei erfuhr ich auch zahlreiche Anekdoten über Ernst Witt, der ein sehr eigenwilliger und humorvoller Mensch gewesen ist. Ein Beitrag von W. Krabs ist unten angefügt. Herzlich möchte ich mich bei Frau Dr. Erna Witt bedanken, die mir Einsicht in die Unterlagen ihres Mannes gewährt hat und mir damit die Gelegenheit gegeben hat, viel Interessantes und Neues zu lernen. Adresse der Autorin: Prof. Dr. I. Kersten Um es gleich vorweg zu sagen: Nach meinem Dafürhalten war Ernst Witt einer der originellsten Mathematiker dieses Jahrhunderts. Ich hatte das Glück, bei ihm einige Jahre zu studieren und zu diplomieren, und habe ihn auf diese Weise hautnah sowohl als Mathematiker als auch als Mensch erlebt. Als Mensch war er von einem spröden Charme und von manchmal verletzender Ehrlichkeit. Dafür möge ein kleines Erlebnis Zeugnis ablegen, welches ich persönlich hatte. Am Ende des zweiten Semesters hatte ich mich bei ihm zu einer Fleißprüfung gemeldet. In den ersten beiden Semestern war ich durchaus nur ein mittelmäßiger Student gewesen; ich hatte große Schwierigkeiten, besonders im ersten Semester, in dem wir gleich zu Beginn die reellen Zahlen als Cauchy-Filter rationaler Zahlen modulo Nullfiltern kennenlernten. Er hatte mich auch gar nicht auf der Rechnung und war zunächst erst einmal erstaunt, als ich ihm anbot, ihm die Lösung eines isoperimetrischen Problems vorzuführen, welches er im zweiten Semester mit Hilfe der Theorie der Fourier-Reihen angegeben hatte. Am Ende meines Vortrages sagte er zunächst zu mir: "Wissen Sie was? Sie sind schon ganz gut, Sie könnten sogar eine Vorlesung halten. -Sie brauchen nur jemanden, der danebensteht und Sie von Zeit zu Zeit korrigiert." Von seiner originellen Sichtweise mathematischer Problemstellungen gibt vielleicht das folgende Beispiel einen Eindruck: Als Mitgutachter meiner Habilitationsschrift über "Nicht-lineare Tschebyscheff-Approximation" konnte er angeblich schon die ganze Problemstellung nicht verstehen. Er schlug mir daher vor, das Approximationsproblem als Charakterisierungsproblem aller kompakten Teilmengen eines normierten Vektorraumes in einer geeigneten Topologie zu formulieren. Bei meinem Habilitationskolloquium , vor der 30 Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Harnburg wurde ich teilweise regelrecht vorgeführt; ein Vorgang, an dem sich auch Herr Witt beteiligte, indem er mir eine Frage vorlegte, die ich garantiert nicht beantworten konnte. Ihm muß das Ganze wohl hinterher leid getan haben, denn als er mich einige Tage später auf der Treppe des Mathematischen Seminars an der Rothenbaumchaussee antraf, sagte er kurz im Vorbeigehen zu mir: "Wissen Sie was, Herr Krabs? Man kann auch nicht alles wissen!" Ich habe mich nach meinem Diplomexamen der Augewandten Mathematik zugewandt und bei Herrn Collatz promoviert. Ich hätte aber auch bei Herrn Witt promovieren können, wenn ich auf das Angbot eingegangen wäre, welches er mir am Ende meiner Diplomprüfung machte; nämlich, ihm eine fertige Doktorarbeit vorzulegen und Fachmann auf meinem Promotionsgebiet zu sein. Bei ihm mußte man eben seinen Weg selbst finden. Das mußte ich bei Herrn Collatz auch, nur war er bereit und in der Lage, mir eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines DFG-geförderten Forschungsvorhabens anzubieten, wodurch ich letzten Endes zur Augewandten Mathematik gekommen bin. Mathematisch geprägt aber hat mich Ernst Witt, der in formaler Hinsicht sicherlich kein guter Pädagoge, aber trotzdem ein großer Lehrmeister war. Adresse des Autors: Prof. Dr. W. Krabs Odenwaldstr. 37 64342 Seeheim-J ugenheim DMV Mitteilungen 2/ 95 Unauthenticated Download Date | 7/26/18 8:34 AM
doi:10.1515/dmvm-1995-0214 fatcat:kfafhsvlcvdn7f4ryl3t5ka5qy